Das entscheidende Charakteristium eines lebenden Organismus ist sein Streben, „danach“ fortzubestehen.

25. Juli 2016
Bildschirmfoto 2016-08-15 um 12.31.38Paul Kalanithi ist auf dem besten Weg ein angesehener Neurochirurg zu werden. Schon jetzt als Assistenzarzt hat er sich einen Namen gemacht. Keine 40 Jahre alt erhält er eines Tages eine niederschmetternde Diagnose: Krebs, der bereits streut. Was er tagtäglich also seinen Patienten sagt, erlebt er plötzlich von der anderen Seite. Im ersten Anlauf schafft er es, den Krebs in der Lunge soweit einzudämmen, dass eine Lebensdauer von 10 Jahren realistisch erscheint. Doch die Hoffnung währt nicht lange und der nächste Schatten wird auf dem CT sichtbar.
Die Geschichte von Paul ist wahr. Und das Buch, das aus seiner Feder stammt, ist einerseits ein selbstverfasster Nachruf, andererseits ein Tagebuch und manchmal eine Reflexion seiner selbst auf das kurze Leben, das er hatte. Die letzten Seiten musste seine Frau fertig schreiben, weil Paul die Lebenserwartung von 10 Jahren um 8 Jahre unterschritt. Er starb zwei Jahre nach der Diagnose.
Es macht wütend, das Buch zu lesen. Und traurig. Die Gefühle sind durchwachsen, aber sie sind von einer Intensität, wie man sie nur selten beim Lesen eines Buches erleben darf. So sinnlos, das kurze Leben, die Diagnose, der schnelle Tod, denkt man sich und liest im selben Moment Zitate von Dichtern und Philosophen, die Paul als seine letzten Lebensbegleiter herangezogen hat. Er selbst hat sein Leben keineswegs als sinnlos empfunden, ja nicht einmal das Sterben erschien ihm ungeheuerlich. Weil er selbst so viele Jahre mit Patienten zu tun hatte, denen er schlechte Nachrichten überbringen musste, gelang es ihm wohl besser mit dem Schicksal fertig zu werden, als es unsereins zustande bringen würde.

Durchatmen und ins Leere blicken schafft den nötigen Abstand zum Buch, der einem anders nur schwer gelingt.

Bevor ich jetzt gehe
von Paul Kalanithi, ISBN 9783813507256

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