„Der Fortschritt tritt gerne in der Maske der Alternativlosigkeit auf …“

Den Pessimisten unter uns ist klar, dass die Welt vor die Hunde geht. Beginnend bei der Ausbeutung unseres Planeten bis hin zu Digitalisierung, die uns als Menschen ohnehin obsolet macht. Optimisten bejubeln die Innovation, das Disruptive an der Veränderung, das endlich alle Grenzen sprengt und uns frei macht. Und die Denker? Die versuchen diese beiden Komponenten gegenüberzustellen und einen möglichst realitätsnahen Konsens zu erkennen. Richard David Precht gehört zu diesen Denkern und er ist in dem, was er tut brilliant! Weder überzogen, noch überzeugt stellt er zwei mögliche Szenarien gegenüber – die Dystopie auf der einen Seite und eine humane Utopie mit positivem Ausgang auf der anderen. Er vergleicht beide Szenarien mit Erfahrungswerten aus der Vergangenheit, versucht die Brücke in eine mögliche Zukunft im Jahr 2040 zu schlagen, ohne sich seiner Sache 100 % sicher zu sein. Es sind mögliche Wege, die er vorschlägt, um einem Untergang aller menschlichen Werte und Errungenschaften entgegenzuwirken. Es ist wie immer die goldene Mitte, die eine digitalisierte Welt auf der einen und ein immer noch gültiges und erfülltes Leben auf der anderen Seite ermöglicht. Aber: und hier ist sich der Autor, wie viele andere ziemlich sicher, wir haben nicht mehr viel Zeit um die…

Kein Zeitalter kommuniziert flüchtiger als das unsere.
Zum Studieren / 7. Dezember 2017

Es ist schlecht bestellt um die Aufklärung. Galt im 18. Jahrhundert die Vernunft als vorherrschende Kraft, mit deren Einsatz man endlich Licht in so vieles brachte, das das dunkle Mittelalter prägte, so scheint es heute kein Privileg mehr zu sein, die Vernunft als ein Werkzeug einzusetzen, das es einem ermöglicht, selbst zu denken, sich eine Meinung zu bilden, kritisch zu hinterfragen, ohne blind irgendwelchen Demagogen zu folgen. „Habe Mut, die deines eigenen Verstanden zu bedienen“, dieses Credo von Imanuel Kant, wurde zum Leitspruch einer ganzen Epoche.  Ein wichtiger Faktor war dabei die Bildung: „Wissen ist Macht“, so wusste es der Philosoph Francis Bacon, der erkannte, dass es einem Menschen erst durch Bildung und Wissen ermöglicht wird, seinen Verstand zu benutzen und eine eigenständige und unabhängige Person zu werden. Und heute? Ist die Bildung in ihrem ursprünglichen Sinn überhaupt noch zeitgemäß? Geht es nicht längst schon nur noch um Kompetenz? Um das Erlernen von gewissen Fähigkeiten, um in der Welt einen Platz zu finden? Kompetenz zielt immer auf ein Können, eine Anwendung, die Lösung eines Problems. Bildung hingegen ist so viel mehr. Es ist die Einsicht über die eigenen Unzulänglichkeit. Es ist die Fähigkeit innezuhalten und sich auch selbst eine Meinung zu bilden…

Stand des Wissens vs. Stand des kollektiven Irrtums
Zum Lachen , Zum Studieren / 2. Februar 2017

Wer Eckart von Hirschhausen kennt, weiß zwei Dinge. Er ist Arzt. Er ist Komiker. Und er schafft es in jedem seiner Bücher aus diesen beiden Talenten eine einzigartige Mischung zu schaffen. Auch in seinem neuen Buch „Wunder wirken Wunder“ spart Hirschhausen nicht mit Situationskomik und schafft es gerade deshalb wichtige Themen auf den Punkt zu bringen. Diesmal geht es um die Frage: Was kann Schulmedizin und was kann Alternativmedizin? Was ist Humbug und was fundiert? Und dabei sind beide Segmente gemeint! Denn nicht nur in der sogenannten Alternativmedizin gibt es unzählige Fußangeln, die einen in mancher Not auch noch stolpern lassen. Die Medizin selbst weist ebenso viele Fehldiagnosen und -behandlungen auf! (Stichworte: Prostatavorsorge und Irisdiagnose) Und so hat es sich Hirschhausen zur Aufgabe gemacht von beiden Welten das Beste zu finden, ganz nach dem Motto: Was heilt, muss richtig sein. Oder – wie er es ausdrückt: Zum einen Arzt geht man, weil man etwas hat, zum anderen, weil einem etwas fehlt. Am Ende des Buches ist übrigens etwas sehr Spannendes zu finden: eine Lotterie der etwas anderen Art. Man wähle sechs Zahlen aus 49. Und suche sich zu den Zahlen, die jeweiligen Vorschläge, die auf den Folgeseiten zu finden sind und…

Wenn wir nichts tun, tun unser Gehirn oft das Entscheidende.
Zum Studieren / 6. Dezember 2016

In unserer Zeit zu leben ist auf vielen Gründen nicht mehr ganz einfach. Da ist zum einen die politische Veränderung. Auf der anderen Seite ist es aber auch dieser Zwang, das Leben mit allen Mitteln und bestmöglich, wenn nicht gar gewinnbringend zu meistern. Scheitern ist keine Option mehr und einfach in den Tag hineinleben schon gar nicht. Steve Ayan befasst sich mit dem Thema Denken, bzw. Denkzwang und erläutert die Wege, die dorthin führen, aber auch von dort wieder hinaus. So definiert er fünf Säulen der Selbstvergessenheit, die dem Menschen helfen, wieder mehr er selbst zu sein, bzw. mehr auf das zu vertrauen, was aus dem Innersten kommt. Serendipität, Embodiment, Intuition, Default-Modus, Epiphanie – was die Wörter im Detail zu bedeuten haben, lässt sich im vorliegenden Buch nachlesen. ************** Ein paar schöne Sätze aus dem Buch: „Emotional intelligent zu sein, bedeutet keineswegs immer gut drauf zu sein, sondern Mut zum Unmut zu haben.“ „Es gibt nicht den einen Sinn des Lebens. Es gibt viele.“ „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“ „Niemand kann aus seiner Haut, aber jeder kann es sich darin ein wenig bequemer machen.“ ************** Locker lassen von Steve Ayan, ISBN…

Der Blick in die katholische Zukunft
Zum Studieren / 6. Dezember 2015

Welche Beweggründe mag man wohl haben, wenn man ein Buch in der Zukunft schreibt und darüber berichtet, wie sich die Kirche verändert? Andreas Salcher, der Co-Autor von „Alles oder nichts“ behauptet, dass er schon als Kind mit seinem Religionslehrer diskutiert habe. Aber wie bei allen Büchern von Andreas Salcher vermute ich dahinter einfach nur Kalkül. Zuwenig „revolutionär“ erscheint mir sein Blick in die Zukunft, denn: wenn man schon so ein Buch schreibt, dann versucht man wohl gewagteres als nur einen amerikanischen und in der Folge indischen Papst. Sicher: ein weiteres vatikanisches Konzil ist eine schöne Idee, und dass dieses sozusagen weltweit stattfindet und nicht nur im Vatikan ist auch interessant. Doch selbst Andreas Salcher sieht in seiner skizzierten Zukunft keinen Platz für Frauen als Priester, auch wenn sie in den Verantwortungen nachrücken. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es nur ein Herumgerede ist, aber bei weitem nicht absolut visionäres oder gar sensationelles. Sogesehen ist der Blick in die kirchliche Zukunft nett zu lesen, wird aber keine Spuren hinterlassen, obwohl es stark den Eindruck hat, dass dies der Plan des Autors ist – sozusagen das Pferd von hinten aufzäumen. Warum wird Teilhard de Chardin so dermaßen stark in den…

Geschäft mit der Angst oder: wie schützt man sich vor irrationalen Entscheidungen
Zum Studieren / 10. August 2015

Gerd Gigerenzers Buch räumt auf mit (falsch interpretierten) Statistiken! Von der Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu sterben bis hin zur Beweisführung vor Gericht zeigt er anhand unterschiedlicher Darstellung von Fakten, wie eine Statistik zu falschen oder richtigen Ergebnissen führen kann – und das, was da raus kommt ist erschütternd! Die Panikmache vor Brustkrebs, die Frauen massenweise zum Mammografie-Screening treibt, das falsche Ergebnis bei einem HIV-Test, das Menschen in den Tod getrieben hat, die vermeintlich sichere DNA-Probe, die Unschuldige ins Gefängnis bringt. Nichts ist wirklich so sicher, wie es uns vorgegaukelt wird. Und – wie der Autor selbst sagt – schon gar nicht ist es so, dass man zwischen Gewissheit und Risiko entscheidet, wenn man sich dazu entschliesst einen medizinischen Test zu machen oder zu unterlassen. „Es sind immer nur zwei Risiken, zwischen denen wir uns entscheiden“. Das Buch sollten viel mehr Ärzte lesen! Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken von Gerd Gigerenzer, ISBN: 978-3-83330041-7

Wenn Zerstörung zum Leitfaden wird …
Zum Studieren / 4. Juli 2015

Ein deutscher Journalist verbringt ein halbes Jahr in Silikon Valley und macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis des Erfolges. Wie kann so unbedeutendes Gebiet nahe San Franzisko so dermaßen innovative Köpfe anziehen und zum Epizentrum allen digitalen Geschehens werden? Wie ist es möglich, dass von dort so viele einschneidene Innovationen zu vermelden sind, Dinge, die die Welt in jeder Hinsicht verändert haben? Apple und Google, um die zwei größten zu nennen, aber auch viele andere, die dort ihren Ursprung hatten. Er zeigt aber auch auf, wo diese Innovationen hinführen und warum sie weder in Deutschland noch sonst wo in Europa hätten entstehen können. Er zeigt die wahrlich zerstörerische Kraft auf, die von jenen ausgeht, die grundsätzlich alles in Frage stellen und verändern wollen, ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist einerseits ein posivitives Buch, das nur so vor Energie sprüht, es ist aber auch ein kritisches Buch, mitunter sogar ein Appell, die Dinge mit etwas mehr Skepsis zu betrachten. Wer gewinnen wird, scheint klar zu sein … Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt von Christoph Keese, ISBN: 978-3-81350556-6

„In der gläubigen Hingabe an das Netz zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer religiösen Gestalt“
Allgemein , Zum Nachdenken , Zum Studieren / 15. Februar 2015

Nach der Theorie ist es jetzt also die Praxis der Unbildung, die uns Konrad Paul Liessmann anschaulich darlegt und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Die Gutgläubigkeit in das „Netz“, das ja alles Wissen beinhaltet, und wegen dem man sich auch nicht mehr mit totem Wissen belasten muss, ist nur eines von vielen Schaufenstern, in die uns der Autor blicken lässt. Die permanente Messbarkeit von Leistung hat dazu geführt, dass das Angebot eben so aufbereitet wird, dass es messbar wird, sprich: Wissen um seiner selbst willen, ist kein messbarer Begriff, Bildung ohne dass daraus eine Kompetenz entsteht nutzlos. Was sich daraus letztendlich für eine Gesellschaft entwickeln wird, ist nicht absehbar, kann aber mit einigem Argwohn beobachtet werden. Einmal mehr brilliert der Autor mit seinem Wissen und auch seiner Sorge um das Bildungswesen, allen voran die Universitäten, die zu Ausbildungsstätten für die Wirtschaft verkommen. Es mag vielleicht in einigen Punkte allzu pessimistisch dargestellt sein, dennoch ist man angehalten seine Sinne zu schärfen und das Szenario aufmerksam zu verfolgen. So sehr die Praxis der Unbildung um sich greift, mit dem vorliegenden Buch wird ihr ein Stück weit etwas entgegen gehalten. Geisterstunde – die Praxis der Unbildung von Konrad Paul Liessmann, IBSN: 978-3552-05700-5

Könnte ich eine Tasse Wasser durch Umrühren zum Kochen bringen?
Zum Studieren / 4. Februar 2015

Randall Munroe ist ein sehr kluger Kopf – und ein bisschen schräg. Als Roboteringenieur bei der NASA konnte er sein Wissen unter Beweis stellen, doch das alleine genügte ihm nicht. Er wollte, dass die Menschen, die Welt verstehen. Womit er wohl nicht gerechnet hat, waren die Fragen, die die Leute so allgemein an ihn gestellt haben: „Kann man mit einer Atombombe einen Supervulkan zum Erlöschen bringen?“ „Wenn man in luftleerem Raum einen Pfeil abschießt, wie weit fliegt der dann?“ „Wann wird Facebook mehr Profile von Toten als von Lebenden enthalten?“ „Wenn jeder Mensch auf der Welt einen Laserpointer auf den Mond richtet, würde dieser dann seine Farbe verändern?“ „Was wäre, wenn ein Glas Wasser tatsächlich halb leer wäre?“ Also beschloss Randall Munroe kurzerhand selbst die verrücktesten Ideen wissenschaftlich zu hinterfragen und aufzuklären. Mehr noch: damit das ganze besser verständlich ist, zeichnete er Skizzen dazu – Strichmännchen ist prekären wissenschaftlichen Situationen. Das Buch wird jenen gefallen, die gerne wissenschaftliche Bücher lesen und kein Problem damit haben, dass dies mit einer gehörigen Portion schrägen Humor portioniert wird. Sehr spaßig! What if? von Randall Munroe ISBN: 978-3-81350652-5

Zukunft definiert sich dadurch, dass wir nicht mitkommen …
Zum Studieren / 30. Dezember 2013

… sie raubt uns immer den Atem. – das ist eine von vielen Antworten, die uns Matthias Horx in Bezug auf die Zukunftsangst anbietet. Durch seinen lockeren Streifzug mit biografischen Elementen berührt er alle Aspekte des Lebens, die in irgendeiner Weise immer mit der Zukunft zusammenhängen. Sei es die Frage nach dem tieferen Sinn unseres Daseins, die Flucht in das Magische, dem Wesen des Krieges, der Evolution und ihrem Ziel u.v.m. Am Ende der Reise bleibt eine gewisse Entspannung übrig, eine neue Coolness, sofern man erkennt, dass Zukunftsangst nichts anderes als eine Fantasie der Entwicklungen ist, die so eintreten kann, aber nicht muss. Dass man niemals den gesamten Kontext erfassen kann und es daher müßig ist, diesen als Abgrund wahrzunehmen. Ja, man darf sich zurücklehnen und locker nach vorne blicken, denn die Apokalypse findet meist nur in unserem Kopf statt. Dieses Buch wird jenen gefallen, die nicht ihre eigene These von der Zukunft bestätigt sehen wollen, sondern bereit sind einen Schritt zurückzutreten, um einen größeren Blickwinkel zu erfassen. Zukunft wagen von Matthias Horx, ISBN: 978-3-421-04444-0