Der Datenstrom übernimmt das Leben

Gleich vorweg: das ist kein Buch, das man nebenbei liest! Es bedarf hoher Aufmerksamkeit und dem Willen sich auf ein Gedankenmodell einzulassen, das die Zukunft der Menschheit skizziert, wie sie uns vielleicht gefällt – oder ängstigt.
In Yuval N. Hararis Buch „Homo Deus“ geht es um nicht weniger, als den nächsten Evolutionsschritt, den der Mensch machen wird. Waren die dringendsten Fragen des 20. Jahrhundert jene, wie man Krieg, Hunger und Krankheit besiegen (oder zumindest in den Griff bekommen kann) so geht es in diesem Jahrhundert wohl mehr und mehr um die Frage, wie der Mensch glücklich, gesund und letztendlich unsterblich werden kann. Das klingt jetzt trivial und viele werden aufschreien und sagen: „Weder Hunger noch Kriege sind aus der Welt“. Dennoch sieht der Autor über den Tellerrand lokaler Problemherde hinweg und fragt, was der Mensch als solches wohl als nächstes anstreben wird.
Dazu begibt er sich zunächst mit dem Leser in die Vergangenheit und versucht in drei Etappen zu erklären, wie der Mensch zu jenem machtvollen Individuum werden konnte, das er heute ist. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Wie konnten wir die Welt erobern? Eine der beeindruckendsten Erkenntnisse ist wohl jene, dass der Mensch deshalb am Ruder ist, weil er es geschafft hat, sich zu koordinieren – zu vernetzen. (Zitat: Der entscheidende Faktor für unsere Macht war nicht die Intelligenz oder das Geschick eines einzelnen, sondern die Fähigkeit viele Menschen in Verbindung zu bringen. Es ist diese Fähigkeit zur Kooperation, die uns stark macht.) Beginnend bei der Einführung der Schrift, die es überhaupt erst möglich machte über Distanzen und Epochen zu kommunizieren, bis hin zu der Frage, welchen Sinn das Leben für den Menschen eigentlich hat. Was uns natürlich zu den Religionen bringt und der Erkenntnis, dass die Religion der Moderne der Humanismus ist, der in allem den Menschen in den Vordergrund stellt, manchmal mit fatalen Folgen, wenn man an das „Reinheitsgebot“ der Nazis denkt.
Das alles bringt den Autor und damit auch den Leser der Frage näher, um die es eigentlich geht: wie kann der Mensch dem Leben weiterhin Sinn geben, wenn jetzt doch jenes Zeitalter angebrochen ist, wo Homo Sapiens zusehends obsolet wird. „Das Problem ist nicht die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das Problem ist die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten können als Algorithmen“, meint der Autor. Wo Roboter also endgültig die Arbeiten übernehmen und bald auch schon künstliche Intelligenzen für uns Entscheidungen treffen werden, ganz einfach aus dem Grund, weil sie uns besser kennen als wir selbst. „Menschen verfügen über zwei grundlegende Arten von Fähigkeiten: physische und kognitive. Bislang wurden die Menschen nur im physischen Bereich durch Maschinen ersetzt. Jetzt aber kommen Computer, Programme und Algorithmen, die uns auch kognitiv überlegen sind“, so skizziert Harari die nahe Zukunft. Schon jetzt sind es die Apps die unser Leben diktieren – das Fitness-App, das Finanz-App, das Einschlaf-App, das Abnehm-App usw. Ohne Handy und ohne Anweisungen von irgendeinem App scheint der Mensch gar nicht mehr zu wissen, was er tun soll. So ist es auch kein Wunder, dass der Autor zu dem Schluss kommt, dass die nächste Religion – nach dem Humanismus – der Dataismus ist. Der Datenstrom der gefüttert werden will, der Mensch, der seinen Sinn darin findet, alles in diesem großen Strom zu integrieren. Um es mit den Worten des Autor zu sagen: „Dataismus ist die neue Weltreligion. Der Datenstrom gibt uns Sinn, leitet uns, zeigt auf, wie es besser geht, übernimmt das Leben.“

Schöne neue Zukunft oder Angstvision? Der Leser ist dazu angehalten sich sein eigenes Bild zu machen und darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussehen mag, denn „In früheren Zeiten bedeutete Macht, Zugang zu Daten zu haben. Heute bedeutet Macht zu wissen, was man ignorieren kann.“ Wofür werden wir uns entscheiden?Noch eine Prognose meinerseits: Dieses Buch wird denselben Effekt haben, wie Talebs „Der Schwarze Schwan“ – es ist ein visionäres, welterklärendes Buch!

Homo Deus,  von Yuval Noah Harari, ISBN 978-3-406-70401-7