Der Datenstrom übernimmt das Leben

Gleich vorweg: das ist kein Buch, das man nebenbei liest! Es bedarf hoher Aufmerksamkeit und dem Willen sich auf ein Gedankenmodell einzulassen, das die Zukunft der Menschheit skizziert, wie sie uns vielleicht gefällt – oder ängstigt.
In Yuval N. Hararis Buch „Homo Deus“ geht es um nicht weniger, als den nächsten Evolutionsschritt, den der Mensch machen wird. Waren die dringendsten Fragen des 20. Jahrhundert jene, wie man Krieg, Hunger und Krankheit besiegen (oder zumindest in den Griff bekommen kann) so geht es in diesem Jahrhundert wohl mehr und mehr um die Frage, wie der Mensch glücklich, gesund und letztendlich unsterblich werden kann. Das klingt jetzt trivial und viele werden aufschreien und sagen: „Weder Hunger noch Kriege sind aus der Welt“. Dennoch sieht der Autor über den Tellerrand lokaler Problemherde hinweg und fragt, was der Mensch als solches wohl als nächstes anstreben wird.
Dazu begibt er sich zunächst mit dem Leser in die Vergangenheit und versucht in drei Etappen zu erklären, wie der Mensch zu jenem machtvollen Individuum werden konnte, das er heute ist. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Wie konnten wir die Welt erobern? Eine der beeindruckendsten Erkenntnisse ist wohl jene, dass der Mensch deshalb am Ruder ist, weil er es geschafft hat, sich zu koordinieren – zu vernetzen. (Zitat: Der entscheidende Faktor für unsere Macht war nicht die Intelligenz oder das Geschick eines einzelnen, sondern die Fähigkeit viele Menschen in Verbindung zu bringen. Es ist diese Fähigkeit zur Kooperation, die uns stark macht.) Beginnend bei der Einführung der Schrift, die es überhaupt erst möglich machte über Distanzen und Epochen zu kommunizieren, bis hin zu der Frage, welchen Sinn das Leben für den Menschen eigentlich hat. Was uns natürlich zu den Religionen bringt und der Erkenntnis, dass die Religion der Moderne der Humanismus ist, der in allem den Menschen in den Vordergrund stellt, manchmal mit fatalen Folgen, wenn man an das „Reinheitsgebot“ der Nazis denkt.
Das alles bringt den Autor und damit auch den Leser der Frage näher, um die es eigentlich geht: wie kann der Mensch dem Leben weiterhin Sinn geben, wenn jetzt doch jenes Zeitalter angebrochen ist, wo Homo Sapiens zusehends obsolet wird. „Das Problem ist nicht die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das Problem ist die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten können als Algorithmen“, meint der Autor. Wo Roboter also endgültig die Arbeiten übernehmen und bald auch schon künstliche Intelligenzen für uns Entscheidungen treffen werden, ganz einfach aus dem Grund, weil sie uns besser kennen als wir selbst. „Menschen verfügen über zwei grundlegende Arten von Fähigkeiten: physische und kognitive. Bislang wurden die Menschen nur im physischen Bereich durch Maschinen ersetzt. Jetzt aber kommen Computer, Programme und Algorithmen, die uns auch kognitiv überlegen sind“, so skizziert Harari die nahe Zukunft. Schon jetzt sind es die Apps die unser Leben diktieren – das Fitness-App, das Finanz-App, das Einschlaf-App, das Abnehm-App usw. Ohne Handy und ohne Anweisungen von irgendeinem App scheint der Mensch gar nicht mehr zu wissen, was er tun soll. So ist es auch kein Wunder, dass der Autor zu dem Schluss kommt, dass die nächste Religion – nach dem Humanismus – der Dataismus ist. Der Datenstrom der gefüttert werden will, der Mensch, der seinen Sinn darin findet, alles in diesem großen Strom zu integrieren. Um es mit den Worten des Autor zu sagen: „Dataismus ist die neue Weltreligion. Der Datenstrom gibt uns Sinn, leitet uns, zeigt auf, wie es besser geht, übernimmt das Leben.“

Schöne neue Zukunft oder Angstvision? Der Leser ist dazu angehalten sich sein eigenes Bild zu machen und darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussehen mag, denn „In früheren Zeiten bedeutete Macht, Zugang zu Daten zu haben. Heute bedeutet Macht zu wissen, was man ignorieren kann.“ Wofür werden wir uns entscheiden?Noch eine Prognose meinerseits: Dieses Buch wird denselben Effekt haben, wie Talebs „Der Schwarze Schwan“ – es ist ein visionäres, welterklärendes Buch!

Homo Deus,  von Yuval Noah Harari, ISBN 978-3-406-70401-7

Wenn die Wissenschaft die Existenz Gottes widerlegt …

Als Robert Langdon von einem seiner ehemaligen Schüler, dem Computergenie Edmond Kirsch, eine mysteriöse Einladung ins Guggenheim Museum nach Bilbo erhält, ahnt er nicht, dass er einmal mehr mit dem Glauben konfrontiert wird. Doch diesmal geht es der Religion an sich an den Kragen, denn Edmond Kirsch behauptet, auf die elementaren Fragen der Menschheit „Woher komme ich“ und „Wohin gehe ich“ Antworten gefunden zu haben, die sämtliche Glaubensgemeinschaften der Welt endgültig ins  Reich der Märchen und Fantasien schicken würde. Die Präsentation wird zum Schauplatz eines Attentats und der berühmte Symbolforscher aus Harvard findet sich bald in ein Komplott wieder, in dem das spanische Königshaus ebenso verwickelt ist, wie Würdenträger dreier Weltreligionen und eine mysteriöse katholische Sekte, die enorme Macht zu besitzen scheint. Angeleitet von Winston, einer von Edmond Kirsch geschaffenen künstlichen Intelligenz, irrt Robert Langdon durch die dunkle Nacht von Bilbao bis nach Barcelona in die berühmte Sagrada Famiglia. In seiner Begleitung die schöne Ambra Vidal, ihres Zeichens Kuratorin des Guggenheim Museums und Verlobte des spanischen Kronprinzen.
Wer die Bücher von Dan Brown kennt, weiß, dass es immer um historische Gebäude geht, um mystische Geschichten und jede Menge Symbole. Man kann getrost neben dem Lesen der Lektüre Wikipedia aufsuchen und wird vieles bestätigt finden. Und zweifelsohne ist der Autor ein begnadeter Schreiber, denn das Buch zieht einen von der ersten Seite weg in den Bann.
Wie schon bei seinem letzen Werk „Infero“ geht es auch diesmal um die Zukunft der Menschheit, in dem der Autor darüber nachdenkt, wie der nächste Schritt der Evolution wohl aussehen könnte – und was das für den Glauben bedeutet. Und seine Antwort ist so logisch wie erschütternd, weil wir schon mitten drin sind in der Metamorphose …
Beste Leseunterhaltung!
Origin, von Dan Brown, ISBN 973-431-03999-3

„Jeder hat Anspruch darauf, nicht verletzt zu werden.“

„Anstand ist der Sinn für Gerechtigkeit, ein grundsätzliches Gefühl für Solidarität mit anderen Menschen, für Fairness, also für den Gedanken, dass man sich an die Regeln auch dann hält, wenn grad keiner hinguckt.“ So steht es ziemlich am Anfang von Axel Hackes Buch, in dem er den Versuch unternimmt, diesem Begriff ein Fundament zu geben. Denn – so scheint es – der Anstand gerät zusehends in Vergessenheit. Was die Gründe dafür sind, das versucht der Autor im Dialog mit einem (fiktiven) Freund herauszufinden. Dabei durchstreift er in Gedanken allerlei gesellschaftliche Probleme, gibt sich selbst eine Gedankenrichtung, um diese dann auch wieder umgehend zu verlassen. Kurzum: die Gedanken drehen sich mehr oder weniger Kreis. Dennoch schafft es der Autor, zumindest gewisse Eckdaten zu erfassen, wenn er sagt: „Es geht um ein gewissen Unbehagen, wenn man sich die gesellschaftliche Entwicklung ansieht.“ Da hat er wohl nicht unrecht, ebensowenig mit der Aussage, dass „es darum geht, dass Dinge ins Rutschen geraten.“ Ja, einmal mehr skizziert ein Schreiber und Denker, was man als halbwegs aufmerksamer Mensch selber fühlt: dass dieses Ideal – der Anstand – im Moment gerade nicht sehr hoch im Kurs steht.
Ein paar Sätze aus dem Buch:

„Wenn man von Anstand redet, sprach man vor allem von einem gewissen alltagsmoralischen Ideal des Menschen.“
„Jeder hat Anspruch darauf nicht verletzt zu werden. Wie das Recht darüber wacht, dass dies nicht mit dem Messer geschehe, so tut das der Anstand, dass man mit Worten darauf verzichte.“
Cicero
„Mord ist in allen Gesellschaften zu allen Zeiten verboten.
Für Kränkungen gilt das nicht.“

„Wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von einer Nötigung zur ständigen Selbstdarstellung.Wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssten und unaufmerksam, wo wir wachsam sein müssten.“

Über den Anstand in schwierigen Zeiten, von Axel Hacke

ISBN 978-3-95614-200-0

Das Ende einer Großmacht

Dies ist die Geschichte der Familie Chestnut, wie sie sich in einer möglichen Zukunft ab dem Jahr 2075 zugetragen haben könnte. Die Geschichte des zweiten amerikanischen Bürgerkriegs, der aufgrund von Klimaveränderungen seinen Lauf nahm, der das Land erneut entzweite und zu einem unbedeutenden Flecken Erde machte. Es ist die Geschichte von Sarat Chestnut, die mit ihrer Schwester und ihrem Bruder in einem Flüchtlingslager aufwächst, die einen feigen Angriff überlebt und fortan als Rebellin ihren Dienst für die Sache tut. Es ist aber auch die Geschichte einer Person, die letztendlich das ganze Land beinahe ausrottet, in dem sie eine Krankheit freisetzt – ausgerechnet am Wiedervereinigungstag, also am Ende eines langen Krieges.
Der Autor Omar EL Akkad, wanderte von Ägypten nach Amerika aus und beschreibt im Grund das, was derzeit im nahen Osten passiert, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Es ist Amerika, das sich zerfleischt, es sind die Flüchtlinge von dort, die überall mit Verachtung gestraft werden. Es ist der nahe Osten, der in seinem Roman aus seiner Asche steigt,  zu einem geeinten Reich zusammenfindet und großes Interesse daran hat, dass Amerika nicht wieder auf die Beine kommt.
Es ist eine Zukunft, wie sie durchaus möglich erscheint: das Klima, das die Landkarte der Welt nachhaltig verändert, die Völker, die daraus nicht lernen wollen und sich bekriegen und der alles gefürchtete Overkill durch eine Krankheit, die eine riesige Schneise durch einen ganzen Kontinent zieht.
Dystopisch? Durchaus.
American War von Omar El Akkad
ISBN 9783103973198

Weil jeder Gegenstand eine Geschichte hat …

Anthony Peardew ist sehr einsam und das seit dem Tag als seine Verlobte unerwartet starb. Das war vor mittlerweile 40 Jahren und doch denkt er jeden Tag an seine geliebte Therese und daran, dass er ein Versprechen nicht halten konnte. Als Anthony stirbt, vermacht er das gesamte Haus und all seinen Besitz Laura, seiner Haushälterin, die ihm in den letzten Jahren zur lieben Freundin geworden war. Laura ist zunächst überfordert, als sie erfährt, welche „kleine“ Bedingung an der Erbschaft hängt: sie soll alle Gegenstände, die Anthony in 40 Jahren gesammelt und katalogisiert hat, nach Möglichkeit den rechtmäßigen Besitzern zukommen lassen. So steht Laura in einem Arbeitszimmer voller Regale, die bis an die Decke gefüllt sind mit Haargummis, Tassen, Spielsachen, Schirmen, Handschuhen und sogar einer Keksdose gefüllt mit Asche. Laura macht sich an die Arbeit begleitet vom Gärtner Freddy und der Tochter der Nachbarn, Sunshine, die über eine besondere Fähigkeit verfügt …
Ruth Hogans Roman ist ein Erstlingswerk in fein geschliffener Sprache. Es ist eine wunderbare Geschichte voller Liebe und Traurigkeit, voller menschlicher Schicksale und Zufälle, wie sie das Leben oft mit sich bringt. Das Besondere an diesem Buch ist die Idee, dass hinter jedem Gegenstand ein menschliches Schicksal steckt. Eine Tasse, die auf einer Parkbank steht, ein einzelnen Puzzle-Teil im Rinnstein – was mag wohl passiert sein? Dass die Geschichten dabei nicht immer fröhlich oder schön sind, ist logisch, dennoch: wenn man sie erfährt, dann ist man geneigt, Fundstücken etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn wer weiß, was sich dahinter verbirgt …

Wer Action sucht, ist mit diesem Buch falsch beraten. Es ist ein stiller Roman, der dennoch nachhallt und die Fantasie beflügelt.

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge
von Ruth Hogan, ISBN: 978-3-
47135147-5

Alter ist vor allem Ansichtssache.

Es kommt der Tag, da beginnt es zu zwicken und zu zwacken – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Man merkt, dass man nicht mehr gewillt ist, gewisse Dinge hinzunehmen, oder aber, dass es immer öfter Dinge gibt, die einen schlichtweg nerven. Ist es das Alter, dass uns da zu schaffen macht? Wird die Seele, der Geist, mit dem Alter träge? Ist es nicht nur der Körper, der dem Zerfall ausgesetzt ist, sondern sind es auch die Gedanken?
Uwe Böschemeyer nimmt in seinem neuen Buch, die Wehwehchens genauer unter die Lupe. Das Gute dabei: er nimmt sie nicht allzu ernst! Vielmehr versucht der bekennende Logotherapeut und Theologe uns auf jenen Pfad zu führen, der da lautet: es geht auch anders –  und zwar immer – und zwar in jedem Alter. Ja, man kann sich über vieles Sorgen machen, man muss aber nicht.
Und ja, man kann sich immer öfter die Sinnfrage stellen, oder darauf vertrauen, dass der Sinn ein uns durchflutendes Energetikum ist, dass man nur finden muss. Sicher, jene, welche gerade in einer Krise stecken, mögen vielleicht die Stirn runzeln. Aber der Autor sagt mit keinem Wort, dass es leicht wäre. Er zeigt vielmehr in ganz vielen Sätzen auf, dass es oftmals nur um die Fragestellung geht. Wie etwa die Frage: „Was bin ich?“, die nur allzu oft mit negativen Assoziationen behaftet ist. Wenn man aber die Folgefrage stellt: „Was bin ich auch?“, dann blickt man darüber hinweg und mag die schönen Seite entdecken.
Ein paar Sätze aus dem Buch:
Unser Leben ist eine Kette von Sinnmöglichkeiten.
Jede Idee hat die Tendenz sich zu verwirklichen.
Das größere Vertrauen sucht nach größeren Zusammenhängen.
Der Mensch muss erfahren, was ihn trägt, wenn er sich selbst nicht mehr tragen kann. Einzig diese Erfahrung gibt im eine unzerstörbare Grundlage. (C.G. Jung zitiert)
Der Wunsch nach Sinn ist der Stärkste aller Wünsche.
Jede Zeit hat ihre eigene Art und ihren eigenen Wert.
Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern,
Von Uwe Böschemeyr, ISBN: 978-3-7110-0113-9

Ein Riese kommt selten allein.

Themis, der Roboterriese, dessen Teile Dr. Rose Franklin vor 10 Jahren gefunden und zusammengebaut hat, steht vor einer neuen Herausforderung, als plötzlich in London ein weiterer Giant auftaucht. Größer, moderner und ganz offenbar schlagfertiger, denn einen ganzes Eck von London wird durch einen einzigen Lichtkreis pulverisiert. Und so tritt die alte Truppe wieder auf den Plan. Die beiden Piloten Kara und Vincent, die Themis steuern, der unbekannte Mann, der die Macht und die Mittel besitzt, der geheimnisvolle Mr. Burns, der sich als eine besondere Spezies offenbart und natürlich Dr. Rose Franklin, die eigentlich gar nicht da sein sollte, weil sie vor 4 Jahren starb …
Auch die Fortsetzung von Giants ist ein unterhaltsamer und spannender Pageturner, der über weite Strecken nicht in der Erzählform, sondern in direkten Dialogen, die als Protokolle dargestellt werden, funktioniert. Gerade dieser Schreibstil ist es, der das Buch auch irgendwie so spannend macht. Die Geschichte selbst endet vielleicht nicht unbedingt so, wie man sich das erhofft, auch die Tatsache, dass ein 10jähriges Mädchen zum Wunderkind wird, mag unglaubwürdig erscheinen. Dennoch tut es dem Lesevergnügen keinen Abbruch.

Giants (2)
Zorn der Götter, von Sylvain Neuvel, ISBN 978-3-453-53480-3

Stell dir vor, es ist Geschichte und keiner hat Bock drauf.

Digitalisierung, Klimawandel, Völkerwanderungen – die Gesellschaft hat es derzeit nicht leicht, wird sie doch von vielen Seiten subtil bedroht. Es passiert schleichend und doch spüren es viele: das Leben, so wie wir es führen, ist auf die Dauer nicht mehr tragbar. Die Ressourcen der Erde werden über die Maßen strapazier – heuer im Jahr 2017 war es der 2. August, der jenen Stichtag markierte, ab dem wir „auf Pump“ leben. Die Digitalisierung – so sehr sie eine Errungenschaft darstellt – ist vielmehr eine Revolution. Doch anders als bei der letzten (der industriellen) werden nicht Jobs verloren gehen und andere geschaffen, sondern diesmal wird der Mensch durch Roboter ein für alle Mal ersetzt. Die Prognosen sprechen davon, dass in absehbarer Zeit 40 % keine Arbeit mehr finden werden. „Jede politische Partei, die jetzt noch Vollbeschäftigung in ihr Wahlprogramm schreibt, arbeitet am Problem vorbei“ – davon ist der Autor überzeugt. Doch es geht um sehr viel mehr. Es geht darum, dass der Kitt, der unsere Nachkriegsgesellschaft zusammenhält, der Konsum ist. Solange die Menschen Befriedigung darin finden, wenn sie sich etwas kaufen, solange wird jeder darauf bedacht sein, dass das System funktioniert, das allen etwas bringt. Doch: nach dem dritten Fernseher lässt das Glückgefühl zwangsläufig nach. Es gibt aber sonst nichts mehr, was die Menschen dazu bringen würde, für etwas aufzustehen. Keine Ideologie (gefährliches Wort) und keine Idee lohnt es, sich vom Sofa zu erheben und dafür zu kämpfen. Und so fällt die Gesellschaft auseinandern, weil sie keine Zeit und keine Muse mehr hat über das eigene Selfie hinauszudenken. Darüber nachzudenken, was jeder einzelne bereit ist zu tun und vor allem: was man gerne zum allgemein gültigen Gesetz machen möchte.
Der Autor beschreibt ein Gedankenspiel, bei dem die Teilnehmer dazu aufgefordert wurden, eine neue Gesellschaftsform durchzudenken. Ein Modell des Zusammenlebens, wie es beispielsweise die Demokatrie ist, unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen und Möglichkeiten. Das Entscheidende bei diesem Gedankenmodell war, dass man selber erst am  Ende gesagt bekam, welche Rolle man selbst einnehmen dürfe! Das ist ein ganz wesentlicher Faktor, weil man eben Gesetze so definieren muss, dass selbst ein Bettler noch gut aussteigt. Könnte ja sein, dass man als solcher endet.
Philip Blom wiederum zeichnet in seinem Buch ein düsteres Bild unserer Zukunft, die schneller Realität wird, als die Menschen sich zu ändern imstanden sind. Zitat: „Wenn der technologische Wandel schneller ist, als der Generationenwechsel, ensteht eine gewisse Verwerfung.“ Mehr noch: der Statuserhalt wird natürlich so lange wie möglich zum Ziel erkoren, wohlwissend, dass man in jedem Fall verlieren wird. Gegen Ende des Buches skizziert der Autor auch eine mögliche neue Gesellschaftsform und Zukunft für unseren Planeten, bei der nur jene gut aussteigen werden, die bereit sind zu verzichten – ein Unwort in unserer Gesellschaft (und ich nehme mich selbst da nicht aus).
Das Buch sollte jene Menschen lesen, die der festen Überzeugung sind, dass alles in Ordnung ist. Ihnen werden vielleicht etwas die Augen geöffnet. Es sollten auch jene Menschen lesen, die spüren, aber nicht erklären können, dass etwas nicht stimmt. Ihnen werden die Worte für ihre Gefühle geliefert.
Weitere Sätze aus dem Buch:
„Die sophistische digitale Verdummung erodiert die Demokratie mit beachtlicher Effizienz, denn sie lässt jede Debatte erlöschen.“
„Die dauernde Transformation, das Wegfegen des Alten, das Weggehen aus einer vertrauten Welt, die bald darauf zerstört wird, üben einen immensen Druck auf die Menschen aus, die sich in der rasend schnell verändernden Welt nicht mehr zurechtfinden, sich nicht mehr zu Hause fühlen.“

„Konsum als Lebensvision ist ein Phänomen der Nachkriegszeit.“
„Konsum ist Selbstverwirklichung und damit sinnstiftend.“
„Untergangspropheten sind eine ermüdende Begleiterscheinung kultureller Spannungen. Dumme Optimisten sind noch anstrengender.“
„Die Alchemie des kollektiven Handelns macht das Unmögliche immer wieder möglich, wenn es genug Menschen gibt, die überzeugt und entschlossen sind, sich dafür einzusetzen.“

Was auf dem Spiel steht, von Philipp Blom, ISBN: 978-3-44625664-4

In die Berg’ bin i gern … oder doch lieber nicht?

Jeremiah Salinger ist ein amerikanischer Drehbuchautor, der mit seiner Ehefrau Anneliese und seiner Tochter Clara den weiten Weg von New York nach Siebenhoch auf sich nimmt – einem kleinen Südtiroler Bergdorf aus der Anneliese stammt. Ein schwerer Schicksalsschlag, bei dem Salinger fast ums Leben kommt sorgt dafür, dass sie länger in Südtirol bleiben als erwartet. Salinger, der dennoch stets seinen Instinkten auf der Suche nach eine guten Story folgt, hört irgendwann zum ersten Mal die Geschichte vom Blettenbach-Massaker, bei dem drei Menschen auf grauenvolle Weise hingemetzelt wurden. Die Geschichten, die sich darum ranken und die Schlucht selbst beherbergen Geheimnisse und Wahrheiten in sich, die man besser im Verborgenen lassen sollte, doch Salinger lässt nicht locker. Im weiter und weiter zieht es ihn hinab in einen Strudel aus Lügen und Vermutungen, bis er schließlich die ganze Wahrheit erfährt – zu einem hohen Preis, den seine Familie zu bezahlen hat …
Der Autor, Luca d’Andrea, stammt selbst aus der Gegend, von der er schreibt und das merkt man in jedem Detail: bei den Charakteren, bei der Landschaft, bei den Eigenheiten, wie sie einem Bergvolk eben innewohnen. Obwohl die Geschichte Fiktion ist, stellt man sich dennoch die Frage: Gibt es die Blettenbachschlucht wirklich? Und ist sie von prähistorischer Natur, mit all seinen dunklen Facetten? D’Andrea hat einen ausgesprochen guten Schreibstil, der fast jedes Kapitel mit einem Cliffhanger enden lässt. Immer wieder dreht sich das Schicksal-Karussell und es wird nicht langsamer bis zur letzten Seite. Das Buch verdient zu Recht das Prädikat „Spiegel-Bestseller“ und es würde mich nicht wundern, wenn aus diesem Plot eines Tages ein spannender Kinofilm gedreht werden würde.
Für mich gehört das Buch zu den Favoriten „Bestes Buch des Jahres 2017“
Der Tod so kalt
von Luca d’Andrea, ISBN: 978-3342104759-5

Überlebenskampf im Eismeer

Matt Lewis ist Meeresbiologie. Als er endlich die Chance erhält auf einem Fischtrawler ins Südpolarmeer mitzufahren, ist die Freude zunächst groß. Sie wird schon etwas kleiner, als der das Schiff, das in Kapstadt vor Anker liegt, sieht. Es ist nicht im besten Zustand und obwohl es in die wildesten Gewässer dieses Planeten geht, scheint die ganze Mannschaft nicht gerade bestens ausgerüstet zu sein. Das Schiff sticht in See mit dem Ziel Seehechte zu fangen. Sie fahren südlicher und südlicher hinab ins Polarmeer weit über den 50. Breitengrad. Ein Unwetter braut sich zusammen und wie so oft ist es menschliches Versagen, das zu jener Katastrophe führt, für die Matt Lewis Jahre braucht, um überhaupt darüber berichten zu können …
Das vorliegende Buch ist ein Seefahrerbericht. Ohne viel Emotion, aber voller Fakten, die umso anschaulicher demonstrieren, wie eine Fehlentscheidung nach der anderen dazu führt, dass letztendlich 17 Mann in einer gefluteten Rettungsinsel sitzen, bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt.

Wer wahre Geschichten mag, ist mit diesem Buch gut beraten. Wer in der Sommerhitze nach Abkühlung sucht ebenso, denn man spürt förmlich den eisigen Wind, der einem ins Gesicht bläst. Und sollte jemand beim Lesen dieses Buches gerade die Füße ins Meer hängen haben, wird er sie vielleicht ängstlich zurückziehen, wenn davon die Rede ist, dass Salzwasser auch Minusgrade haben kann.

Das verfluchte Schiff
von Matt Lewis, ISBN 978-3-95898-009-9