Die Situation hat ihre Autorität verloren, wenn jemand pupst

Die Ich-Erzählerin, nennen wir sie Sarah, steckt in einer Krise. Das Kaninchen ist tot, der Freund bei der Verwandtschaft und es ist Silvester. Kurzerhand lädt sie wildfremde Leute, die sie im Supermarkt oder auf dem Weg dorthin trifft, zu einer Party ein. Doch das ist nicht die Geschichte – eigentlich. Vielmehr geht es um das Gedankenchaos in Sarahs Kopf, in dem sich allerlei zum Thema Scheitern ansammelt.
„Wenn man es nicht schafft, an sich selbst zu scheitern, dann sucht man sich jemanden, der einem dabei hilft“, so ihre Erkenntnis, während sie das streitende Ehepaar beobachtet, das auf ihrer Wohnzimmercouch sitzt. Silvester ist die Nacht der gescheiterten Existenzen und des existenziellen Scheiterns, daran hat die Protagonistin keinen Zweifel.
Vieles, was Sarah von sich gibt, ist lustig, einiges richtig tiefsinnig, manches oberflächlich, kurzum: es nettes Buch zum Lesen.
Ein paar Sätze, die durchaus Potenzial haben:
Es sind nie die Klugen, die laut sind, es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Lautstärke und Dummheit.
Es ist seltsam, wenn man sagt, jemand sei verstorben. Das klingt so als hätte er etwas falsch gemacht. Als hätte er sich im Datum vertan und wollte erst morgen sterben.
Mit 30 hat man die erste Stufe der Unumkehrbarkeit erreicht.
Manchmal merkt man erst sehr spät und zufällig, dass man an etwas gescheitert ist.
Man kann Kritik umgehen oder mit Kritik umgehen.
Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so
von Sarah Bosetti, ISBN: 9783499633171

Was man bereit ist für die Liebe zu tun

Dies ist die Geschichte von Martin Gilmore. Seine Jugend, seine Schulzeit, sein Niedergang. Schuld an allem ist Ben, sein Freund aus Schultagen, den Martin eigentlich liebt. Nur, dass er das nicht zugeben will. Und so passiert es, dass er für Ben gerade steht, als dieser im Alkoholrausch eine Straftat begeht. Die Familie von Ben zeigt sich großzügig und dennoch will sich das Leben nicht so entwickeln, wie sich Martin das vielleicht gewünscht hätte. Mit von dieser Psychoparty sind Martins Ehefrau und Bens Frau. Jede für sich ein Charakter, der in Kombination hochexplosiv ist. Und so kommt es eines Tages zum Supercrash, der das Leben von Martin und seiner Frau Lucy nachhaltig verändert. Nur Ben scheint wieder einmal davon zu kommen …
Der Roman von Elizabeth Day ist ein Psychogramm, dass wir uns Schicht für Schicht anschauen. Geschrieben aus der Sicht von Lucy, aus der Sicht von Martin und dann wieder aus der Vogelperspektive der Autorin ergibt sich auf diese Weise nach und nach ein Bild. Es ist nicht das spannendste Szenario, das ich jemals gelesen hab, aber durchaus lesenswert
Die Party, von Elizabeth Day, ISBN: 973-832198671

Ein Stück Zeitgeschichte

Hitler steht kurz davor in der Tschechoslowakei einzumarschieren, um die Sudetendeutschen zu „befreien“. Europa steht neuerlich am Rande eines großen Krieges. Dem britischen Premierminister Neville Chamberlain gelingt es buchstäblich in letzter Minute, eine Konferenz ins Spiel zu bringen, auf der Frankreich, England, Italien und Deutschland gemeinsam eine friedliche Lösung der tschechischen Krise zustande bringen sollen. Der Coup gelingt. Hitler unterschreibt das Abkommen und ganz Europa atmet auf, angesichts der Tatsache, dass der Krieg nun abgewendet ist. Wir alle wissen, was nicht einmal ein Jahr später passierte …
Robert Harris nimmt diesen geschichtsträchtigen Akt der Historie rund um den Beginn des zweiten Weltkriegs und lässt den Leser daran teilhaben. An den Ängsten der Bevölkerung, die mit ihren Kindern bereits das Tragen von Gasmasken üben, am Fanatismus, aber auch an den Gegenkräften, die in Deutschland verzweifelt versuchen, das Unabwendbare doch noch zu verhindern. Man liest und weiß, wie es geendet hat – und das ist jedes Mal aus Neue erschütternd.
München von Robert Harris
978-3-453-27143-2

Drehschwindel bei einer Zeitreise der Sonderklasse

Jack the Ripper treibt sein Unwesen und ausgerechnet die Geliebte von Andrew Harrington findet einen grausamen Tod. Seinem Leben kann er keinen Sinn mehr abtrotzen, so beschließt Andrew dem Elend ein Ende zu bereiten. In letzter Minute hält ihn sein Cousin Charles davon ab: er weiß einen Weg das Geschehen rückgängig zu machen. Ein neues Unternehmen ist in London aufgetaucht, das Zeitreisen verspricht. So könnte man doch ungehindert zurückreisen und die Tat ungeschehen machen. Gesagt, getan, die beiden begeben sich zu Gilmore Murray, der ihnen das Geheimnis um die Zeitreise erklärt, die – so bedauerlich es auch ist – nur nach vorne in die Zukunft funktioniert. Genauer gesagt nur an einen bestimmten Tag im Mai des Jahres 2000. Doch – so der Zeitreisen-Experte – es könnte einen Mann in London geben, der dennoch eine Lösung wüsste: ein Schriftsteller namens H.G. Wells …
So beginnt das viktorianische Abenteuer in Felix J. Palmas überaus unterhaltsamen 1. Teil einer Trilogie, in der uns noch weitere bekannte Persönlichkeiten begegnen. Der Schreibstil des Buches ist gediegen, ja durchaus von feiner Feder und er ist insofern besonders, als dass der Autor selbst sich immer wieder an den Leser wendet. Man taucht also in die Geschichte ein, wird irgendwo vom Autor abgeholt und sozusagen herausgehoben, um eine Szene von außen zu betrachten, um letztendlich wieder hineinzufallen in das Abenteuer rund um H.G. Wells und seinem Roman „Die Zeitmaschine“. Es ist wie das Luft holen vor einem Tauchgang.
Warum ich in der Überschrift „Drehschwindel“ schreibe? Weil man in die Zukunft reist – und irgendwie doch nicht. Weil man in die Vergangenheit reist, die so gar nicht existiert, um dann wieder zum Sprung in die Zukunft anzusetzen, die nur ein Traum zu sein scheint? Letzen Endes bleibt es dem Leser überlassen, was man glauben will und was nicht, aber unzweifelhaft sitzt man in einem Karussell, das einen in den Epochen herumschleudert.
Ich habe keine Ahnung, warum ich sechs Jahre gebraucht habe, um dieses Buch zu finden! Es ist großartig!
Landkarte der Zeit
von Felix J. Palma, ISBN: 9783463405773

Der Datenstrom übernimmt das Leben

Gleich vorweg: das ist kein Buch, das man nebenbei liest! Es bedarf hoher Aufmerksamkeit und dem Willen sich auf ein Gedankenmodell einzulassen, das die Zukunft der Menschheit skizziert, wie sie uns vielleicht gefällt – oder ängstigt.
In Yuval N. Hararis Buch „Homo Deus“ geht es um nicht weniger, als den nächsten Evolutionsschritt, den der Mensch machen wird. Waren die dringendsten Fragen des 20. Jahrhundert jene, wie man Krieg, Hunger und Krankheit besiegen (oder zumindest in den Griff bekommen kann) so geht es in diesem Jahrhundert wohl mehr und mehr um die Frage, wie der Mensch glücklich, gesund und letztendlich unsterblich werden kann. Das klingt jetzt trivial und viele werden aufschreien und sagen: „Weder Hunger noch Kriege sind aus der Welt“. Dennoch sieht der Autor über den Tellerrand lokaler Problemherde hinweg und fragt, was der Mensch als solches wohl als nächstes anstreben wird.
Dazu begibt er sich zunächst mit dem Leser in die Vergangenheit und versucht in drei Etappen zu erklären, wie der Mensch zu jenem machtvollen Individuum werden konnte, das er heute ist. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Wie konnten wir die Welt erobern? Eine der beeindruckendsten Erkenntnisse ist wohl jene, dass der Mensch deshalb am Ruder ist, weil er es geschafft hat, sich zu koordinieren – zu vernetzen. (Zitat: Der entscheidende Faktor für unsere Macht war nicht die Intelligenz oder das Geschick eines einzelnen, sondern die Fähigkeit viele Menschen in Verbindung zu bringen. Es ist diese Fähigkeit zur Kooperation, die uns stark macht.) Beginnend bei der Einführung der Schrift, die es überhaupt erst möglich machte über Distanzen und Epochen zu kommunizieren, bis hin zu der Frage, welchen Sinn das Leben für den Menschen eigentlich hat. Was uns natürlich zu den Religionen bringt und der Erkenntnis, dass die Religion der Moderne der Humanismus ist, der in allem den Menschen in den Vordergrund stellt, manchmal mit fatalen Folgen, wenn man an das „Reinheitsgebot“ der Nazis denkt.
Das alles bringt den Autor und damit auch den Leser der Frage näher, um die es eigentlich geht: wie kann der Mensch dem Leben weiterhin Sinn geben, wenn jetzt doch jenes Zeitalter angebrochen ist, wo Homo Sapiens zusehends obsolet wird. „Das Problem ist nicht die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das Problem ist die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten können als Algorithmen“, meint der Autor. Wo Roboter also endgültig die Arbeiten übernehmen und bald auch schon künstliche Intelligenzen für uns Entscheidungen treffen werden, ganz einfach aus dem Grund, weil sie uns besser kennen als wir selbst. „Menschen verfügen über zwei grundlegende Arten von Fähigkeiten: physische und kognitive. Bislang wurden die Menschen nur im physischen Bereich durch Maschinen ersetzt. Jetzt aber kommen Computer, Programme und Algorithmen, die uns auch kognitiv überlegen sind“, so skizziert Harari die nahe Zukunft. Schon jetzt sind es die Apps die unser Leben diktieren – das Fitness-App, das Finanz-App, das Einschlaf-App, das Abnehm-App usw. Ohne Handy und ohne Anweisungen von irgendeinem App scheint der Mensch gar nicht mehr zu wissen, was er tun soll. So ist es auch kein Wunder, dass der Autor zu dem Schluss kommt, dass die nächste Religion – nach dem Humanismus – der Dataismus ist. Der Datenstrom der gefüttert werden will, der Mensch, der seinen Sinn darin findet, alles in diesem großen Strom zu integrieren. Um es mit den Worten des Autor zu sagen: „Dataismus ist die neue Weltreligion. Der Datenstrom gibt uns Sinn, leitet uns, zeigt auf, wie es besser geht, übernimmt das Leben.“

Schöne neue Zukunft oder Angstvision? Der Leser ist dazu angehalten sich sein eigenes Bild zu machen und darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussehen mag, denn „In früheren Zeiten bedeutete Macht, Zugang zu Daten zu haben. Heute bedeutet Macht zu wissen, was man ignorieren kann.“ Wofür werden wir uns entscheiden?Noch eine Prognose meinerseits: Dieses Buch wird denselben Effekt haben, wie Talebs „Der Schwarze Schwan“ – es ist ein visionäres, welterklärendes Buch!

Homo Deus,  von Yuval Noah Harari, ISBN 978-3-406-70401-7

Wenn die Wissenschaft die Existenz Gottes widerlegt …

Als Robert Langdon von einem seiner ehemaligen Schüler, dem Computergenie Edmond Kirsch, eine mysteriöse Einladung ins Guggenheim Museum nach Bilbo erhält, ahnt er nicht, dass er einmal mehr mit dem Glauben konfrontiert wird. Doch diesmal geht es der Religion an sich an den Kragen, denn Edmond Kirsch behauptet, auf die elementaren Fragen der Menschheit „Woher komme ich“ und „Wohin gehe ich“ Antworten gefunden zu haben, die sämtliche Glaubensgemeinschaften der Welt endgültig ins  Reich der Märchen und Fantasien schicken würde. Die Präsentation wird zum Schauplatz eines Attentats und der berühmte Symbolforscher aus Harvard findet sich bald in ein Komplott wieder, in dem das spanische Königshaus ebenso verwickelt ist, wie Würdenträger dreier Weltreligionen und eine mysteriöse katholische Sekte, die enorme Macht zu besitzen scheint. Angeleitet von Winston, einer von Edmond Kirsch geschaffenen künstlichen Intelligenz, irrt Robert Langdon durch die dunkle Nacht von Bilbao bis nach Barcelona in die berühmte Sagrada Famiglia. In seiner Begleitung die schöne Ambra Vidal, ihres Zeichens Kuratorin des Guggenheim Museums und Verlobte des spanischen Kronprinzen.
Wer die Bücher von Dan Brown kennt, weiß, dass es immer um historische Gebäude geht, um mystische Geschichten und jede Menge Symbole. Man kann getrost neben dem Lesen der Lektüre Wikipedia aufsuchen und wird vieles bestätigt finden. Und zweifelsohne ist der Autor ein begnadeter Schreiber, denn das Buch zieht einen von der ersten Seite weg in den Bann.
Wie schon bei seinem letzen Werk „Infero“ geht es auch diesmal um die Zukunft der Menschheit, in dem der Autor darüber nachdenkt, wie der nächste Schritt der Evolution wohl aussehen könnte – und was das für den Glauben bedeutet. Und seine Antwort ist so logisch wie erschütternd, weil wir schon mitten drin sind in der Metamorphose …
Beste Leseunterhaltung!
Origin, von Dan Brown, ISBN 973-431-03999-3

„Jeder hat Anspruch darauf, nicht verletzt zu werden.“

„Anstand ist der Sinn für Gerechtigkeit, ein grundsätzliches Gefühl für Solidarität mit anderen Menschen, für Fairness, also für den Gedanken, dass man sich an die Regeln auch dann hält, wenn grad keiner hinguckt.“ So steht es ziemlich am Anfang von Axel Hackes Buch, in dem er den Versuch unternimmt, diesem Begriff ein Fundament zu geben. Denn – so scheint es – der Anstand gerät zusehends in Vergessenheit. Was die Gründe dafür sind, das versucht der Autor im Dialog mit einem (fiktiven) Freund herauszufinden. Dabei durchstreift er in Gedanken allerlei gesellschaftliche Probleme, gibt sich selbst eine Gedankenrichtung, um diese dann auch wieder umgehend zu verlassen. Kurzum: die Gedanken drehen sich mehr oder weniger Kreis. Dennoch schafft es der Autor, zumindest gewisse Eckdaten zu erfassen, wenn er sagt: „Es geht um ein gewissen Unbehagen, wenn man sich die gesellschaftliche Entwicklung ansieht.“ Da hat er wohl nicht unrecht, ebensowenig mit der Aussage, dass „es darum geht, dass Dinge ins Rutschen geraten.“ Ja, einmal mehr skizziert ein Schreiber und Denker, was man als halbwegs aufmerksamer Mensch selber fühlt: dass dieses Ideal – der Anstand – im Moment gerade nicht sehr hoch im Kurs steht.
Ein paar Sätze aus dem Buch:

„Wenn man von Anstand redet, sprach man vor allem von einem gewissen alltagsmoralischen Ideal des Menschen.“
„Jeder hat Anspruch darauf nicht verletzt zu werden. Wie das Recht darüber wacht, dass dies nicht mit dem Messer geschehe, so tut das der Anstand, dass man mit Worten darauf verzichte.“
Cicero
„Mord ist in allen Gesellschaften zu allen Zeiten verboten.
Für Kränkungen gilt das nicht.“

„Wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von einer Nötigung zur ständigen Selbstdarstellung.Wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssten und unaufmerksam, wo wir wachsam sein müssten.“

Über den Anstand in schwierigen Zeiten, von Axel Hacke

ISBN 978-3-95614-200-0

Das Ende einer Großmacht

Dies ist die Geschichte der Familie Chestnut, wie sie sich in einer möglichen Zukunft ab dem Jahr 2075 zugetragen haben könnte. Die Geschichte des zweiten amerikanischen Bürgerkriegs, der aufgrund von Klimaveränderungen seinen Lauf nahm, der das Land erneut entzweite und zu einem unbedeutenden Flecken Erde machte. Es ist die Geschichte von Sarat Chestnut, die mit ihrer Schwester und ihrem Bruder in einem Flüchtlingslager aufwächst, die einen feigen Angriff überlebt und fortan als Rebellin ihren Dienst für die Sache tut. Es ist aber auch die Geschichte einer Person, die letztendlich das ganze Land beinahe ausrottet, in dem sie eine Krankheit freisetzt – ausgerechnet am Wiedervereinigungstag, also am Ende eines langen Krieges.
Der Autor Omar EL Akkad, wanderte von Ägypten nach Amerika aus und beschreibt im Grund das, was derzeit im nahen Osten passiert, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Es ist Amerika, das sich zerfleischt, es sind die Flüchtlinge von dort, die überall mit Verachtung gestraft werden. Es ist der nahe Osten, der in seinem Roman aus seiner Asche steigt,  zu einem geeinten Reich zusammenfindet und großes Interesse daran hat, dass Amerika nicht wieder auf die Beine kommt.
Es ist eine Zukunft, wie sie durchaus möglich erscheint: das Klima, das die Landkarte der Welt nachhaltig verändert, die Völker, die daraus nicht lernen wollen und sich bekriegen und der alles gefürchtete Overkill durch eine Krankheit, die eine riesige Schneise durch einen ganzen Kontinent zieht.
Dystopisch? Durchaus.
American War von Omar El Akkad
ISBN 9783103973198

Weil jeder Gegenstand eine Geschichte hat …

Anthony Peardew ist sehr einsam und das seit dem Tag als seine Verlobte unerwartet starb. Das war vor mittlerweile 40 Jahren und doch denkt er jeden Tag an seine geliebte Therese und daran, dass er ein Versprechen nicht halten konnte. Als Anthony stirbt, vermacht er das gesamte Haus und all seinen Besitz Laura, seiner Haushälterin, die ihm in den letzten Jahren zur lieben Freundin geworden war. Laura ist zunächst überfordert, als sie erfährt, welche „kleine“ Bedingung an der Erbschaft hängt: sie soll alle Gegenstände, die Anthony in 40 Jahren gesammelt und katalogisiert hat, nach Möglichkeit den rechtmäßigen Besitzern zukommen lassen. So steht Laura in einem Arbeitszimmer voller Regale, die bis an die Decke gefüllt sind mit Haargummis, Tassen, Spielsachen, Schirmen, Handschuhen und sogar einer Keksdose gefüllt mit Asche. Laura macht sich an die Arbeit begleitet vom Gärtner Freddy und der Tochter der Nachbarn, Sunshine, die über eine besondere Fähigkeit verfügt …
Ruth Hogans Roman ist ein Erstlingswerk in fein geschliffener Sprache. Es ist eine wunderbare Geschichte voller Liebe und Traurigkeit, voller menschlicher Schicksale und Zufälle, wie sie das Leben oft mit sich bringt. Das Besondere an diesem Buch ist die Idee, dass hinter jedem Gegenstand ein menschliches Schicksal steckt. Eine Tasse, die auf einer Parkbank steht, ein einzelnen Puzzle-Teil im Rinnstein – was mag wohl passiert sein? Dass die Geschichten dabei nicht immer fröhlich oder schön sind, ist logisch, dennoch: wenn man sie erfährt, dann ist man geneigt, Fundstücken etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn wer weiß, was sich dahinter verbirgt …

Wer Action sucht, ist mit diesem Buch falsch beraten. Es ist ein stiller Roman, der dennoch nachhallt und die Fantasie beflügelt.

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge
von Ruth Hogan, ISBN: 978-3-
47135147-5

Alter ist vor allem Ansichtssache.

Es kommt der Tag, da beginnt es zu zwicken und zu zwacken – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Man merkt, dass man nicht mehr gewillt ist, gewisse Dinge hinzunehmen, oder aber, dass es immer öfter Dinge gibt, die einen schlichtweg nerven. Ist es das Alter, dass uns da zu schaffen macht? Wird die Seele, der Geist, mit dem Alter träge? Ist es nicht nur der Körper, der dem Zerfall ausgesetzt ist, sondern sind es auch die Gedanken?
Uwe Böschemeyer nimmt in seinem neuen Buch, die Wehwehchens genauer unter die Lupe. Das Gute dabei: er nimmt sie nicht allzu ernst! Vielmehr versucht der bekennende Logotherapeut und Theologe uns auf jenen Pfad zu führen, der da lautet: es geht auch anders –  und zwar immer – und zwar in jedem Alter. Ja, man kann sich über vieles Sorgen machen, man muss aber nicht.
Und ja, man kann sich immer öfter die Sinnfrage stellen, oder darauf vertrauen, dass der Sinn ein uns durchflutendes Energetikum ist, dass man nur finden muss. Sicher, jene, welche gerade in einer Krise stecken, mögen vielleicht die Stirn runzeln. Aber der Autor sagt mit keinem Wort, dass es leicht wäre. Er zeigt vielmehr in ganz vielen Sätzen auf, dass es oftmals nur um die Fragestellung geht. Wie etwa die Frage: „Was bin ich?“, die nur allzu oft mit negativen Assoziationen behaftet ist. Wenn man aber die Folgefrage stellt: „Was bin ich auch?“, dann blickt man darüber hinweg und mag die schönen Seite entdecken.
Ein paar Sätze aus dem Buch:
Unser Leben ist eine Kette von Sinnmöglichkeiten.
Jede Idee hat die Tendenz sich zu verwirklichen.
Das größere Vertrauen sucht nach größeren Zusammenhängen.
Der Mensch muss erfahren, was ihn trägt, wenn er sich selbst nicht mehr tragen kann. Einzig diese Erfahrung gibt im eine unzerstörbare Grundlage. (C.G. Jung zitiert)
Der Wunsch nach Sinn ist der Stärkste aller Wünsche.
Jede Zeit hat ihre eigene Art und ihren eigenen Wert.
Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern,
Von Uwe Böschemeyr, ISBN: 978-3-7110-0113-9