Man beginnt zu sterben, sobald man zum ersten Mal an den Tod denkt.
Zum Nachdenken / 19. August 2018

In Paulstadt gibt es einen Friedhof, den alle nur „das Feld“ nennen. Hier liegen sie – die Gründerväter, die Altvorderen, jene, die den Aufstieg und Fall von Paulstadt in großen und kleinen Katastrophen miterlebt haben. Ein Mann sitzt auf einer Bank und blickt über das Feld. Er glaubt, die Stimmen der Verstorbenen hören zu können und lauscht ihren Erinnerungen von der Kindheit, von ihren Begegnungen, von ihrem Sterben. Und als Leser erkennt man manchen Zusammenhang und selbst wenn nicht, dann ist das Buch dennoch ein ganz wunderbares Sammelsurium an Lebens-, oder sollte man sagen, Sterbeweisheiten. So steht da mitunter geschrieben: „Ab einem gewissen Alter glaubt man, dass einem nichts mehr übrig bleibt, doch das ist ein Irrtum. Solange man lebt, ist immer noch etwas zu machen.“ Robert Seethalers Buch ist ein absolutes – wenn auch stilles – Leseerlebnis, das die Fülle, die das Leben zu bieten hat, über den Tod hinaus erkennbar macht. Das Feld, von Robert Seethaler ISBN: 978-3-446-26038-2

„Beam me up Scotty“
Zum Nägel kauen , Zum Zeitvertreib / 14. August 2018

Joel Byram und seine Frau Sylvia planen einen Kurzurlaub in Costa Rica, um ihre schon etwas angeschlagene Ehe wieder in Gang zu bringen. Doch auf dem Weg dorthin geht etwas schief. Der „Transport“ von Joel hat aus irgendeinem Grund nicht funktioniert. Als kurze Zeit später auch noch sein „Kom“ ausfällt ist klar, dass es da wohl was Gröberes hat … Wer jetzt die Stirn runzelt und nur die Hälfte verstanden hat, dem sei gesagt: wir befinden uns im Jahr 2147 und der Transport ist nichts anderes als das weltberühmte „Beam me up Scotty“ aus dem Raumschiff Enterprise. Menschen reisen nicht mehr mit dem Flugzeug, sie lassen sich transportieren. Dazu gehen sie ganz einfach in eines der vielen Transport Center, betreten einen Raum und sind Sekunden später am anderen Ende der Welt. Der „Kom“, das ist eine Kommunikationform, die sich direkt im Kopf abspielt, weil dort ein Chip implantiert ist. Es ist das neue Google/Whatsapp/Facebook/Skype-Modul, wenn man so will. Man kann einfach alles über die Gedanken übertragen: Nachrichten, Bilder, Messages. Zurück also zu Joel, der aus dem Transportraum heraustritt, um festzustellen, dass er immer noch am Ursprungsort ist: Die Panne, die da passierte ist weitaus dramatischer, als es anfangs aussieht, denn…

Die „guten“ Taten
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 10. August 2018

Wann immer irgendwo in der westlichen Welt ein terroristischer Anschlag verübt wird, herrscht Entsetzen und die planke Angst. Die Bösewichte sind schnell definiert und werden fortan als Achse des Bösen bezeichnet, gegen die zu Felde gezogen wird. Doch blickt man genauer hinter die Beweggründe, so kommt stets das Selbe zutage. Allen Anschlägen geht eine lange Leidensgeschichte voraus und wirklich immer haben die Amerikaner ihre Finger dran. Irak, Iran, Korea, Palästina, wo man auch hinblickt weht irgendwo im Hintergrund die amerikanische Flagge. Dabei ist diese Vorgehensweise nicht der Wunsch des amerikanischen Volkes, sondern geht von einem Establishment aus, das ausschliesslich wirtschaftliche Beweggründe hat. Noam Chomsky kennt alle geschichtlichen Eckpunkte, die immer wieder zum selben Ergebnis führen: Chaos, Armut, Leid, Terror. So umfassend und detailliert die einzelnen Begebenheiten auch geschildert werden, so sehr wiederholt sich der Autor und bringt stets die gleichen Argumente bzw. Schauplätze. Das wäre vermeidbar gewesen, nur hätte das Buch dann gut 100 Seiten weniger. So kann man also ab der Hälfte getrost damit anfangen das Buch querzulesen ohne, dass die Grunderkenntnis aus dem Buch deshalb verloren gingen: Amerika ist ein viel grössere Schadenanrichter als wir glauben wollen, und darf ruhig in die Reihe der Bösewichte aufgenommen werden. Ein…

Dein Leben – ein idyllisches Kartenhaus
Allgemein , Zum Nägel kauen / 28. Juli 2018

Vivian ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und arbeitet bei der CIA in der Spionageabwehr. Ihr kürzlich entwickeltes Programm zum Auffinden von russischen Schläfern in den Vereinigten Staaten scheint endlich ein brauchbares Ergebnis zu liefern. Doch als sie die Bilder am Computer sieht, wünscht sich Vivian, sie hätte das Programm nie entwickelt: auf einem der Fotos ist ihr Mann Matt zu sehen, der Vater ihrer vier Kinder. Und was 10 Jahre lang ein harmonisches Familienleben war, gestaltet sich zusehends zu einer Achtbahnfahrt der Gefühle, noch dazu, wo Matt keine Sekunde bestreitet einer sein: ein russischer Schläfer. Der Debütroman von Karen Cleveland ist beste Thrillerunterhaltung, nie langweilig und man spürt, dass die Autorin weiß wovon sie spricht, war sie doch selber bei der CIA tätig. Wahrheit gegen Wahrheit, von Karen Cleveland, ISBN 9783442716746

„Der Tod ist unerträglich, wenn du über das Ich nicht hinwegkommst.“
Zum Nachdenken / 20. Juli 2018

Dem Tod ein Schnippchen schlagen, das scheint ein anhaltender Trend zu werden. Fitness, Wellness, Vorsorgemedizin, Rundum-Checks, Tracker, Apps, die unsere Gesundheit überwachen. „Viele, die vom Gesundheitswahn erfasst wurden, sind trotzdem gestorben“, meint die Autorin Barbara Ehrenreich lapidar. Und dann erklärt sie uns, wie sinnlos dieser Versuch eigentlich ist, mit aller Gewalt das Leben verlängern zu wollen oder sich Zeit seines Lebens von den genussvollen Dingen abzuwenden, weil sie ungesund ist, nur um letzten Endes – wenn man Pech hat – dennoch vorzeitig zu sterben. Als Doktorin in Zellbiologie gibt sie uns ausführliche Einblicke in die Welt des Immunsystems und der Tatsache, dass ebendiesen gar nicht so selten zum Feind werden kann. Makrophagen, so heißen sie, sind jene Zellen, die uns einerseits schützen sollen, die aber andererseits ganz schnell die Seite wechseln, wenn es ihnen beliebt und dann zum Taxidienst des Todes werden. Da hilft keine Sojamilch und auch kein Fitnessprogramm. Wenn der Körper gegen sich selbst in den Krieg zieht, dann ist das eben so. Und die Autorin spricht uns auch von jeglicher Schuld frei: wir können solche Geschehnisse weder mit Gedanken herbeiführen, noch abwenden. Positives Denken mag der Psyche vielleicht dienlich sein, auf zellularer Ebene spielen sich ganz andere…

Eine Maschine klüger als der Mensch: Fluch oder Segen?
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 16. Juli 2018

Künstliche Intelligenzen umgeben uns bereits. Der Schachcomputer der Menschen besiegt. Eine Suchmaschine, die alles findet, was wir als Frage in das Suchfeld eingeben. Ein Handy-Assistant, der auf sprachliche Befehle reagiert. Alexa. Und doch ist das den Menschen nicht genug. Sie wollen eine Intelligenz erfinden, die in allen Belangen und in jedem Bereich um Welten klüger ist als wir. Eine Superintelligenz eben. Dass dies durchaus das letzte große Ding sein könnte, dass der Mensch erfindet, liegt mehr als nur im Bereich des Möglichen. Kein Wunder also, dass man sich daran macht, über alle möglichen Szenarien nachzudenken: Was wird eine Superintelligenz machen? Welchen Werten wird sie folgen? Wie kann man ihr diese Werte beibringen? Kann man eine Superintelligenz überhaupt noch kontrollieren? Oder in die Schranken weisen, wenn sie es zu bunt treibt? Oder wird diese Superintelligenz schneller als wir glauben die Weltherrschaft an sich reißen und den Menschen möglicherweise sogar ausrotten? Nick Bostrom hat in seinem Buch an alles gedacht und wohl als einer der ersten die Gefahren erkannt. So spricht er also (auf teilweise recht komplizierte, weil mathematische Weise) von den unterschiedlichen Arten einer Superintelligenz: Sie kann auf einer Gehirnemulation basieren, auf Menschen, die in irgendeiner Form eine Intelligenzsteigerung erfahren (wir…

This is Ground Control …
Für die Seele , Zum Lachen / 12. Juli 2018

Tom Major wird durch einen blödes Zufall, bei dem er ein klein wenig nachhilft, zum 1. Astronauten auserkoren, der zum Mars fliegen soll, um dort den Bau einer Kolonie vorzubereiten. Dass seine Nominierung ausgerechnet am Todestag von David Bowie passiert – nun, manche sagen, das sei ein PR-Gag, denn plötzlich wird aus Tom Major, jener berühmte Major Tom. Da sitzt er alsdann in seinem Raumschiff auf dem Weg zum Mars, währenddessen sich irgendwo auf der Erde ein kleines familiäres Drama abspielt. Mrs. Gladys wird zunehmend dement und ihre beiden Enkel, die bei ihr in der Obhut sind, haben die größte Not dafür Sorge zu tragen, dass das nicht auffällt. Eines Tages läutet das Telefon bei Mrs. Gladys und in der Leitung ist Major Tom. Eigentlich wollte dieser ja ganz jemand anderen anrufen – aber egal, jetzt also führt er ein Gespräch mit der alten Dame und wird unweigerlich in das Schicksal dieser Familie hineingezogen. Kann ein Astronaut auf dem Weg zum Mars einer alten Dame helfen? Wer das Buch liest, wird es erfahren, dabei schmunzeln, ein bisschen weinen, manchmal herzhaft lachen und am Ende das Buch mit einem kleinen Seufzer schließen. Sommerlektüre pur! Mrs. Gladys und ihr Astronaut, von David…

„Der Fortschritt tritt gerne in der Maske der Alternativlosigkeit auf …“

Den Pessimisten unter uns ist klar, dass die Welt vor die Hunde geht. Beginnend bei der Ausbeutung unseres Planeten bis hin zu Digitalisierung, die uns als Menschen ohnehin obsolet macht. Optimisten bejubeln die Innovation, das Disruptive an der Veränderung, das endlich alle Grenzen sprengt und uns frei macht. Und die Denker? Die versuchen diese beiden Komponenten gegenüberzustellen und einen möglichst realitätsnahen Konsens zu erkennen. Richard David Precht gehört zu diesen Denkern und er ist in dem, was er tut brilliant! Weder überzogen, noch überzeugt stellt er zwei mögliche Szenarien gegenüber – die Dystopie auf der einen Seite und eine humane Utopie mit positivem Ausgang auf der anderen. Er vergleicht beide Szenarien mit Erfahrungswerten aus der Vergangenheit, versucht die Brücke in eine mögliche Zukunft im Jahr 2040 zu schlagen, ohne sich seiner Sache 100 % sicher zu sein. Es sind mögliche Wege, die er vorschlägt, um einem Untergang aller menschlichen Werte und Errungenschaften entgegenzuwirken. Es ist wie immer die goldene Mitte, die eine digitalisierte Welt auf der einen und ein immer noch gültiges und erfülltes Leben auf der anderen Seite ermöglicht. Aber: und hier ist sich der Autor, wie viele andere ziemlich sicher, wir haben nicht mehr viel Zeit um die…

Da sitzt ein Tintifax im weißen Haus
Zum Nachdenken / 11. März 2018

Donald Trump kann es selber nicht glauben. Gerade eben wurde der zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Das war beileibe nicht sein Plan. Er wollte einfach nur die Bekanntheit und das Getöse nutzen, um sich selber noch bekannter zu machen – um Geld damit zu machen. Jetzt hat er plötzlich politische Verantwortung am Hals, sollte nachdenken, sich informieren, lesen. Nichts davon ist seine Stärke. Das Lesen nicht, das nachdenken schon gar nicht. Und so zieht in das weiße Haus eine Truppe wild zusammengewürfelter Menschen ein, die fortan die politischen Geschicke einer Weltmacht lenken sollen und zu einem Großteil weder politische Erfahrung haben, noch das Talent zur Politik. Jeder macht was ihm richtig erscheint, allen voran Trumps Tochter Ivanka und ihr Mann Jared Kushner. Und natürlich Steve Bannon, der es auf wundersame Weise geschafft hat, dass Trump überhaupt gewählt wurde. Um im Gegensatz zu Trump verfolgt er sehr wohl große politische Ziele, die kurz umrissen so aussehen: alles soll sich ändern und zwar rasch. Die Querelen im weißen Haus, die Machtkämpfe, die Pannen und nicht zuletzt das hochnotpeinliche Twittern von Donald Trump bestimmen seither die Schlagzeilen. Meist wird darüber gelacht. Dann taucht plötzlich dieser Koreaner auf und prahlt mit seinen…

Man kann zwar Probleme beheben, nicht aber Veränderungen. Ihnen kann man sich nur anpassen …
Zum Nachdenken / 20. Februar 2018

 … unter diesem Aspekt lehrt uns der Autor den Blick zu schärfen, für die Veränderungen, die in unserem „System“ passieren. Gemeint ist damit im kleineren Sinn das Wirtschaftssystem, das aber nicht isoliert betrachtet werden kann, weil es ja Teil eines Gesellschaftssystems ist und das wiederum ist Teil eines Ökosystems. Denn, so der Autor, alles hängt immer irgendwie zusammen. Systeme haben generell ein gewisses Talent zur Selbstreparatur, sprich: wenn sie halbwegs flexibel sind, dann versucht ein System immer die „Sache“ (was auch immer das ist) wieder ins Lot zu bringen. In der Natur geschieht das andauernd, vor allem dann, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass eine Katastrophe nur subjektiv betrachtet eine solche ist. Objektiv gesehen, ist es der Druckausgleich, den ein System braucht, um weiter zu funktionieren. Wichtig sind dabei auch die Rückkopplungseffekte, von einem Teil des Systems zum nächsten, ähnlich einer Lawine. Und was wissen wir von einer Lawine? Sie findet den Weg ins Tal und: sie macht das mit zunehmender Intensität! Der Autor versucht uns also einzuführen in das Verständnis und Funktionieren von Systemen. Dazu greift er nicht selten auf wirtschaftliche oder physikalische Gesetze zurück, auf Formeln, bei denen ein Normalsterblicher mit Sicherheit aussteigt. Doch darüber muss man einfach hinweglesen und kann dies auch…