Die Corona-Pandemie als Brandbeschleuniger eines gesellschaftlichen Wandels?
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 16. April 2021

Wenn die 2020/2021 vorherrschende Pandemie eines gezeigt hat, dann, dass mit der Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Anders lässt sich nämlich nicht erklären, warum es Menschen gibt, die nicht nur Corona als Schnupfen abtun, sondern gleich den ganzen Staat als Pakt von Lügnern bezeichnet. Wörter wie Diktatur und Faschismus werden plötzlich in einem Kontext verwendet, der so gar nichts mit der ursächlichen Bedeutung des Begriffs zu tun hat und das alles, weil wir derzeit dazu aufgerufen sind, Disziplin zu wahren, auf den anderen zu schauen und einen Mundschutz zu tragen. Richard David Precht gibt mit seinem vorliegenden Buch „Von der Pflicht“ eine ausgezeichnete Erklärung dafür ab, warum genau diese Pflicht von immer mehr Bürgern nicht mehr gesehen, bwz. als lästig empfunden wird. Er erklärt zum einen, was das Wort Pflicht im Zusammenhang mit der Staatspflicht zu tun hat, er erklärt aber auch, dass es eine Bürgerpflicht gibt, ohne die nun mal kein Staat zu machen ist. Es ist eine Sache der Freiwilligkeit also, und eine von Moralempfinden gegenüber seinen Mitmenschen. Und genau da bröckelt die Fassade. Anhand der deutschen Gesetzgebung bekommt der Leser einen Einblick in die Sachlage der Grundrechte eines Menschen und wie schwer es für den Staat…

Familien- und Freundespalter Fake-News
Zum Nachdenken / 2. März 2021

Schon mit Beginn der Klimakrise offenbarte sich die Zwiegespaltenheit – mitunter sogar im einen Familienkonglomerat – zwischen jenen, die das Problem als echt anerkannten und jenen, die sich von pseudowissenschaftlichen Behauptungen fangen ließen und an eine große Verschwörung glaubten. Die Corona-Krise macht diesen tiefen Spalt um ein Vielfaches deutlicher sichtbar. Manche flüchtige Bekanntschaft wurde auf diese Weise schon beendet, manche Freundschaft steht gerade auf dem Prüfstand. Wenn die Meinungen aber auch im eigenen Familienkreis so weit auseinanderdriften, stellt man sich unweigerlich die Frage: wie können wir wieder zusammenkommen? Ingrid Brodnig ist Autorin und Kolumnistin und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der zunehmend komplexen Kommunikation im Internet. Lügengeschichten, Mobbing und Hass und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Zerwürfnisse, das sind ihre Themen. In dem vorliegenden Buch legt sie ein Portfolio an Möglichkeiten vor, wie man Menschen dort abholen kann, wo sie stehen: festgefahren in einer Lügen- oder Verharmlosungsgeschichte. Sie schlägt vor: sich selbst mit einem Thema sehr genau auseinanderzusetzen, die Fake-News über Faktencheck-Websites zu prüfen (die gibt es auch in Deutsch), sich überlegen, in welchen „Frames“ die Personen drin hängen, niemals nur eine Fake verneinend korrigieren, nicht polemisieren oder spotten (Covidioten), immer die Quellen der vermeintlichen Wahrheit…

Wahr oder nicht wahr, das ist hier die Frage
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 12. Januar 2021

Eine der markantesten Begleiterscheinungen von Corona sind die vielen „alternativen Fakten“, die im Umlauf sind. Jeder, der das Alphabet kennt und bis 10 zählen kann ist offenbar schon Experte. Und ja, es ist nicht immer leicht, Fakten von Fake zu unterscheiden und das Phänomen des „Counterknowledge“ hat in Zeiten der Digitalisierung natürlich freie Bahn. Was also steckt hinter der einen oder anderen Behauptung und wie kann man herausfinden, was wahr ist und was nicht? Daniel J. Levitin hat dazu ein Buch verfasst, dass sich sehr stark mit Logik, Statistik und deren Fehlinterpretationen und dem Aufdecken solcher Fakes befasst. Es mag mitunter etwas mathematisch und trocken sein, aber es bleibt halt ganz dicht an den Dingen, die sich messen lassen. Zwar erklärt uns der Autor nicht, WARUM es Menschen gibt, die solche Halbwahrheiten verbreiten, aber dies scheint auch nicht die Frage zu sein, mit der wir uns beschäftigen sollen. Viel mehr geht es darum für sich persönlich zu klären: Ist das, was behauptet wird, überhaupt möglich? Ist es wahrscheinlich? Oder ist es an den Haaren herbeigezogen? Am Ende bleibt die Erkenntnis: was immer irgendwo im Netz steht, sollte nach guter journalistischer Manier einem Check-Recheck-Doublecheck unterzogen werden und erst dann darf man…

Lernen ist ein Prozess, der mit Unwissenheit beginnt.
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 4. Januar 2021

Nicht erst seit dem Jahr 2020 ist klar: nicht nur die Welt an sich ist im Wandel, auch die Gesellschaft ist es. Das Gefüge unsere Zusammenlebens beginnt zu bröckeln. Kein Wunder also, dass man der Menge an (unlösbaren?) Probleme, der Unsicherheit und einer nicht unkritischen Masse an Zukunftsangst manch einer sich die Frage stellt: Kann ich überhaupt noch was bewegen? Joanna Macy ist  Ökophilosophin, Buddhistin und Expertin für Systemtheorie und Tiefenökologie. Im vorliegenden Buch geht sie der Frage nach, wie man angesichts der (vermeintlichen) Hoffnungslosigkeit überhaupt noch die Kraft aufbringen kann, etwas gegen die vielen Missstände, die es in der Welt gibt zu tun. „Hoffnung durch Handeln“ lädt mit unterschiedlichen Betrachtungsweisen dazu ein, seine Einstellung zu ändern. Dabei lernen wir viel über jene Geschichte, wie sie uns gerade erzählt wird und der daraus resultierenden Krankheit namens „Affluenza“:  Es ist der Begriff zur Beschreibung des emotionalen Stresses, der aus der hauptsächlichen Beschäftigung mit Besitz und Äußerlichkeit erwächst. Es ist eine Art seelischer Virus, der unser Denken infiziert. Der toxische Glaube im Kern dieser Krankheit ist, dass Glück darauf beruht, wie wir aussehen und was wir haben. Wir lernen etwas über den Unterschied von „Macht ÜBER etwas zu haben“ und „Macht als…

Was die Menschheit verändert hat: Die Sprache, die Schrift, der Buchdruck und jetzt die Vernetzung
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 19. Februar 2019

Stellen Sie sich eine Schwarz-Weiß-Aufnahme vor und daneben ein Farbbild. Dann stellen Sie sich ein Bild in der Größe 9 x 13 cm vor und dasselbe Bild in A4. Und dann stellen Sie sich das Bild auf Fotopapier vor und – mit zig Megapixeln auf dem Monitor. Mit jeder Entwicklungsstufe wurde das Bild brillanter, schärfer, detailreicher. So passiert es gerade mit unserer Gesellschaft. Sie wird so genau vermessen und vernetzt, dass ein immer schärferes Bild entsteht. Wir sprechen von der granularen Gesellschaft. Das Gute daran: eigentlich kommt wesentlich stärker die Individualität jedes Einzelnen zum Vorschein. Der Nachteil: das Individuum ist durchschaut und somit lenkbar und das auf so subtile Art, dass wir von dieser Beeinflussung gar nichts mitbekommen. Der Autor Christoph Kucklick beschreibt in seinem Buch die – wie er es nennt – 4. Katastrophe der Menschheit, mit der die Menschen dazu gezwungen sind, sich radikal anzupassen, wenn sie mitwachsen wollen. Das begann bei der Sprache, die jene, die ihrer mächtig waren, dazu befähigte Dinge zu vereinbaren, zu besprechen und somit neue Erkenntnisse zu erzielen. Das passierte mit der Schrift, durch die es plötzlich möglich war, einander auf Distanz Mitteilungen zukommen zu lassen. Das macht auf sehr revolutionäre Art auch der…

Was uns zufällt, ist das Fällige
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 10. Februar 2019

Wir werden mit dem konfrontiert, was wir am weitesten von uns fernhalten wollten und aktuell ist das die Veränderung des Marktes und der ganzen Gesellschaft hin zu Digitalisierung. Zwar glauben wir immer noch, dass es „uns“ nicht erwischt, dass „wir“ in einer sicheren Segment sind, doch wer ein bisschen genauer hinschaut, erkennt das Brüchige an diesem Glauben. Christoph Keese hat mit der Disruption schon 1997 persönlich Bekanntschaft gemacht, als es damit anfing, dass die Kommunikationsbranche plötzlich vom Papier ins Internet wanderte. Doch anstatt in Schockstarre zu verfallen, hat er sich auf den Weg gemacht und ist der Digitalisierung seither gefolgt. Er war im Silikon Valley und hat den Meistern der Disruption über die Schulter geschaut. Und dann hat er sich mit diesen Erkenntnissen über die mutwillige zerstörerische Veränderung, die keinen Stein auf dem anderen lässt, in Deutschland umgesehen. In seinem Buch „Disrupt yourself“ erteilt er uns den Auftrag die Augen zu öffnen und auf das eigene Leben zu schauen. Wo könnten hier Veränderungen disruptiver, also zerstörerischer Art zum Tragen kommen? Und was ist man als Mensch noch wert, wenn man möglicherweise wegrationalisiert wird? 702 Berufe wurden in einer Studie danach aufgelistet, wie sehr sie Gefahr laufen von der Digitalisierungswelle wegrationalisiert…

Als ob das Werden jemals ein Ende hätte …
Biografien , Zum Nachdenken / 9. Februar 2019

Michelle Robinson wächst in einfachen Verhältnissen auf. Als Kinde antwortete sie immer auf die Frage, was sie einmal werden will: „Kinderärztin“. Und zwar einfach aus dem Grund, weil sie dafür bewundert wurde. Heute wundert sie sich, wie man überhaupt ein Kind fragen kann, was es einmal werden will. Ganz so, als ob das Werden jemals an irgendeinem Punkt enden würde. Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie wurde ehrgeizige Jura-Studentin, erfolgreiche Anwältin, engagierte Organisatorin von Sozialprojekten, Ehefrau und Mutter und schließlich die First Lady von Amerika. Als Michelle Obama lernte die Welt sie als sympathische und starke Frau kennen und das ist sie tatsächlich, wenn man ihrer Geschichte folgt. Von Kindheitstagen an, bis zu dem Moment als sie an der Seite ihres Mannes ins weiße Haus einzog. Eine lesenswerte Biografie Becoming von Michelle Obama, ISBN: 9783442314874

Sag, was du denkst, damit du in Erfahrung bringen kannst, was du denkst.
Zum Nachdenken , Zum Studieren / 9. Januar 2019

Jordan Peterson schein in Amerika ein berühmter Psychologe zu sein. Seine „12 Regeln für Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“ sind aus mehreren Aspekten heraus entstanden. Eine davon war eine Internet-Plattform names Quora (gibt es auch im deutschen Sprachraum), auf der er mehrere Regeln als Antwort auf die Frage eines Users eingestellt hat: Was sind die wichtigsten Dinge, die jeder wissen muss? Letztendlich wurde daraus ein ganzes Buch und in der Tag hören sich die Überschriften der jeweiligen Regeln auch zum Großteil vernünftig an: Steh aufrecht und mach die Schultern breit. oder Vergleich dich mit dem, der  gestern warst, nicht mit irgendwem von heute. oder Räume erst mal dein Zimmer auf, ehe du die Welt kritisierst. Doch leider macht der Autor etwas, das man „um den heißen Brei herumreden“ nennt. Er kommt einfach nicht auf den Punkt. Er erzählt viel und ausgiebig über das „Böse“, indem  er das alte Testament eingehend beleuchtet oder den Kommunismus in der Sowjetunion. Er redet und redet und man fragt sich: wann kommt jetzt endlich die Quintessenz? In vielen Dingen kann ich dem Autor nicht einmal zustimmen, nämlich dann, wenn alles einem Vergleich mit der Vertreibung aus dem Paradies bzw. dem Brudermord von Kain standhalten…

Bildungsunterricht der besonderen Art
Zum Nachdenken / 9. November 2018

Schon mit seinem Buch „Homo Deus“ konnte Yuval Harari ein breites Publikum begeistern, nicht zuletzt deshalb, weil er es schafft Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem verständlichen Bild zusammenzusetzen. In seinem neuen Buch fühlt man sich in einen Hörsaal versetzt, wo vorne weg ein Professor seinen Vortrag hält. Dies gelingt ihm auf derart spannende Weise, dass seine „Schüler“ – wir Leser – im gebannt an den Lippen hängen, um mehr zu erfahren von diesem Mann, der ganz offenbar über wirklich viele Dinge nachdenkt: Desillusionierung Der Mensch lebte immer nach Erzählungen, die ihm sagten, wo er hingehört – im Guten wie im Schlechten. Faschismus, Kommunismus, Liberalismus sind solche Geschichten, die Halt gaben. Die ersten beiden Geschichten sind kollosal gescheitert, und die dritte – der Liberalismus – ist gerade im Begriff sich aufzulösen. So suchen jetzt alle nach einer neuen Geschichte, an der wir unser Leben ausrichten können. Diese aktuelle Orientierungslosigkeit erzeugt Spannungen, die in alle Bereiche des Lebens hineinwirken. Arbeit Zwei Leistungen konnte der Mensch immer verkaufen: physische und kognitive Arbeit. Die körperliche Arbeit wurde mehr und mehr durch Maschinen ersetzt und jetzt droht das auch mit der kognitiven Arbeit. Was kann der Mensch dann noch anbieten? Die potenziellen Vorteile einer…

„Altern ist Leben für Fortgeschrittene.“
Allgemein , Zum Lachen , Zum Nachdenken / 14. Oktober 2018

Eckart von Hirschhausen, bekannt für seine Kombination aus medizinischem Wissen und Humor, schafft es schon seit Jahren – auf Bühnen und in seinen Büchern – den Menschen die Gesundheit und das Glücklich sein mit Augenzwinkern näher zu bringen. Und gerade dieses Lachen über kleine und größere Wehwehchen hilft in so vielen Situationen tatsächlich. Im neuen Buch, das er gemeinsam mit Tobias Esch verfasst hat, geht es um das Altern und all die Zipperlein, die dieser Prozess mit sich bringt. Tobias Esch setzt dabei viele seiner Studien ein, die aufzeigen, dass das Altern eigentlich jenes Lebensdrittel ist, in dem die Menschen am zufriedensten sind, selbst dann, wenn sie schon von gröberen Krankheiten heimgesucht werden. Die sogenannte U-Kurve, die dabei skizziert wird, beschreibt den Bogen von der Kindheit/Jugend hinab ins Tal der Tränen bis man daraus wieder emporsteigt und zwar vielfach höher, als der Ausgangspunkt jemals war. Dieser Tippingpoint in die Zufriedenheit beginnt bei jedem zu einem anderen Zeitpunkt, kann aber zwischen 40 und 50 angesetzt werden. Gestärkt durch die Lebenserfahrung, gesättigt von den Momenten des Glücks, dem Ankommen an gewissen Zielen, auch dem Scheitern, geht es fortan mehr um die Gelassenheit und Zufriedenheit, die aus dem älteren Menschen einen weisen Menschen…