Von einer unglaublich heimtückischen Krankheit
Zum Heulen / 30. Mai 2016

Joe und Rosie O’Brien führen ein glückliches irisch-amerikanisches Leben in Boston. Gesegnet mit vier Kindern, Katie, Meghan, JJ und Patrick, bewohnen sie ein nettes Haus im irischen Viertel. Doch dunkle Schicksalswolken brauen sich über den O’Briens zusammen, die zunächst noch harmlos anmuten: Joe verliert wegen eine Kleinigkeit die Beherrschung und schleudert eine Bratpfanne gegen die Wand. Jahre später, die Kinder sind mittlerweile erwachsen, häufen sich bei ihm Stürze und andere Ungeschicktheiten, stets verbunden mit dem inneren Gefühl von unkontrollierbarer Wut. Als er bei einem Polizeieinsatz schließlich für betrunken gehalten wird, besteht seine Frau darauf einen Arzt aufzusuchen. Die niederschmetternde Diagnose: die Chorea-Huntington-Krankheit. Doch schlimmer noch als die Tatsache, dass Joe dem sicheren Tod geweiht ist und seine Pensionierung wohl nie erleben wird, ist der Umstand, dass diese heimtückische massiv degenerative Erkrankung des Gehirns genetisch bedingt und somit vererbbar ist. Und bald schon ist klar, dass zwei seiner vier erwachsenen Kinder das selbe Schicksal ereilen wird. Einmal mehr lässt und Lisa Genova an einer Krankheitsgeschichte teilhaben, um uns die Augen für den Schrecken zu öffnen, der sich in so vielen Krankheiten verbirgt. Der Leser erlebt gemeinsam mit der irischen Familie was es heißt, nach und nach seine motorischen Fähigkeiten zu verlieren…

Ein Außerirdischer möchte lieber Mensch sein
Zum Heulen , Zum Lachen , Zum Nachdenken / 5. Juli 2014

Andrew Martin ist nicht mehr er selbst. Genau genommen ist er tot und an seine Stelle hat ein Wesen von einem anderen Planeten Besitz vom Körper ergriffen. Das Ziel: Herauszufinden, wie viel Andrew Martin herumerzählt hat über seine mathematische Sensation, den Beweis der Riemannschen Vermutung. Zuvor muss das Wesen im irdischen Körper aber erst einmal lernen, was Menschen so tun – zum Beispiel nicht nackt herumlaufen. Der „neue“ Andrew beobachtet seine Frau und seinen Sohn, ist anfangs entsetzt über so vieles, was Menschen tun, lacht sich eins über die primitive Technologie und darüber, dass die Menschen glauben, der Mittelpunkt des Universums zu sein, kurzum: er mag die Menschen nicht. Doch dann passieren ein paar Dinge in seiner „Familie“ und er erkennt, zu was Menschen sonst noch fähig sind: zu tiefen Gefühlen – von Schmerz, über Mitleid, bis Liebe. Und dann beschließt Andrew etwas zu tun, das noch nie vor ihm einer seiner Rasse getan hat: er will ein echter Mensch werden und sein anderes Wesen ablegen. Das Buch von Matt Haig ist etwas Besonderes. Die Perspektive aus der es erzählt wird, ist jene vom außerirdischen Andrew und seine Sichtweise auf das Erdenleben ist überaus unterhaltsam, berührend, manchmal abstoßend, aber in…

Ein Leben kann in zwei Sekunden scheitern
Zum Heulen / 3. März 2014

Byron Hemmings hat ein Problem: Seit ihm sein Freund James erzählt hat, dass dem Jahr zwei Sekunden hinzugefügt werden sollen, beobachtet er ohne Unterbrechung die Zeit. Just in dem Moment, als er im mit seiner Mutter und seiner Schwester im Jaguar unterwegs ist, passiert es. Der Sekundenzeiger springt nach vorne. In Panik hält er seiner Mutter die Uhr unter die Nase und exakt in diesem Moment, als die beiden Sekunden der Zeit hinzugefügt wurden, passiert der schreckliche Unfall. Von dem Moment an, ist in Byrons Leben nichts mehr wie es war. Zunächst ist da die Schuld, die seine Mutter aufgeladen hat, ohne wirklich etwas vom Unfall mitbekommen zu haben. Dann ist da noch sein Freund, der ihn dazu drängt, tätig zu werden. Und als die Dinge schließlich ins Rollen geraten, verlaufen sie gänzlich anders als Byron sich das gewünscht hätte. Was am Ende bleibt, ist ein tragischer Todesfall und der Verdacht, dass er – Byron – solche Situationen magisch anzieht. Rachel Joyce zweites Buch ist meiner Meinung nach sehr viel spannender als die Geschichte von Harold Frys Wanderung. Es bleibt permanent das mulmige Gefühl aufrecht, dass da noch sehr viel Schlimmeres folgt und bis zuletzt  ist auch nicht klar, was…

Ich bin nicht imaginär …
Zum Heulen , Zum Lachen / 17. August 2013

Budo sieht aus wie ein Mensch, kann sprechen, laufen, durch geschlossene Türen gehen und hat sogar Ohren. All das ist nicht selbstverständlich, denn Budo existiert nur, weil Max ihn so geschaffen hat. Budo ist der imaginäre Freund des 8jährigen Max Delaney, der autistische Züge aufweist und sich dementsprechend schwer tut mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Mit Budo hingegen kann er alles besprechen, mehr noch, sein Freund spielt mit ihm, beschützt ihn und steht Schmiere an der Klotür. Eines Tages jedoch hat Max ein Geheimnis, das er Budo nicht verraten will und kurz darauf muss Budo zusehen, wie Max in das Auto seiner Lehrerin steigt und verschwindet. Während die Polizei verzweifelt nach dem Jungen sucht und seine Eltern hilflos zuhause auf Nachricht warten, muss Budo einsehen, dass er sich der Umwelt nicht zeigen und somit auch nicht erklären kann, was geschehen ist. Und plötzlich hat Budo nicht nur Angst um Max, sondern auch um sich, denn: was passiert, wenn Max stirbt? Matthew Dicks schreibt das Buch als Budo und öffnet damit eine völlig neue Perspektive. Nicht nur, dass wir Bekanntschaft machen, mit den Eigenheiten von imaginären Freunden – von denen es natürlich mehrere gibt – Budos Gedanken konfrontieren uns auch mit…

Liebe Alice, du hast den Brief an dich selbst geschrieben, als du noch bei klarem Verstand warst …
Zum Heulen / 22. Mai 2011

Alice Howland ist 50 Jahre jung und angesehene Professorin an der Havard Universität. In ihrem Fachgebiet – der kognitiven Psychologie – ist sie brilliant und vielgebuchte Vortragende. Bei einer ihre Vortragsreisen steht sie eines Tages am Rednerpult und ein mehr als triviales Wort will ihr nicht einfallen – „Lexikon“. Das kann jedem passieren, denkt man als Leser um sogleich atemlos mitzuverfolgen, wie sie kurz darauf bei ihrer täglichen Joggingrunde an der Kreuzung steht und nicht mehr weiß, ob sie links oder rechts die Straße rauf wohnt. Es folgen kleine Aussetzer, wie z.B. Vorlagen, die sie vergaß an einen Kollegen zu schicken (weil sie nicht mehr wußte, wer der Kollege war), sie stellt sich einer Dame vor, mit der sie gerade mal 5 Minuten zuvor ein kurzes Gespräch geführt hat, sie setzt sich in den volle Hörsaal in die Reihe der Schüler und wartet geduldig auf den Vortragenden, ohne zu ahnen, dass SIE die Vortragende ist usw. Bald wird ihr klar, dass mit ihr etwas nicht stimmt und nach einigen medizinischen Tests, liegt das erschreckende Ergebnis am Tisch: frühzeitiges Alzheimer, eine Erkrankung, die genetisch bedingt ist! Nicht nur, dass sie selbst also sukzessive den Verstand verliert, auch ihre drei Kinder sind…

Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe …
Zum Heulen / 9. Januar 2011

… so – stellt sich Firmin die Ratte vor – muss ein Roman beginnen. Dass Firmin überhaupt zu solch einem Gedanken fähig ist, liegt an der Tatsache, dass er Bücher buchstäblich „verschlungen“ hat. Aufgewachsen im Keller einer Buchhandlung waren Bücher Zeit seines Leben Mittel zum Überleben. Zunächst als Futter und Nistplatz, später als Bereicherung für seinen Intellekt, von dem sich mancher Mensch ein Stückchen abschneiden könnte. Das Buch erzählt von einem Stadtviertel in Boston, dass dem Abriss geweiht ist. Mitten drin in diesem Viertel wächst Firmin auf und mit ihm stirbt dieser Stadtteil auch. Seine Liebe zu den Menschen bekommt ihm nicht immer gut – mehr als einmal entgeht er knapp dem Tod. Und doch ist sein Leben rührend, man könnte sagen melancholisch, zeitweise von seiner eigenen Fantasie überlagert, immer ein bisschen zum Schmunzeln – obwohl man gleichzeitig losweinen möchte. Das Buch ist für Menschen, die Tieren menschliche Züge zutrauen, die glauben, dass Tiere Gefühle haben, Träume und Charakter. Es ist ein wunderbares Buch für die Wintertage und durch seine überaus interessante Aufmachung (hat hier eine Ratte das Buch angeknabbert?) auch ein nettes Geschenk für Buchliebhaber. Firmin – ein Rattenleben von Sam Savage, ISBN: 978-3550087424

Fröhliche Niedergeschlagenheit
Zum Heulen / 29. Dezember 2010

Zu Beginn des Buches war ich skeptisch, weil ich eigentlich nichts über den 2.Weltkrieg lesen wollte. Und die Erzählweise ist mir im ersten Teil des Buches auch zu „distanziert“ – ja, der Tod blickt einem über die Schulter und beschreibt was er sieht. Doch dann verdichtet sich alles. Menschen, die man zu Beginn für herzlos hielt, zeigen menschliche Züge, und ehe man sich’s versieht lebt man mittendrin in einer Zeit, in der die Tatsache, dass es nichts zu essen gibt, alltäglich war. Unvorstellbar. Für viele Menschen muss es wohl so gewesen sein, dass der Krieg eine Randerscheinung war, bis plötzlich die Bomben fielen und die Männer eingezogen wurden. Witzigerweise ärgert es mich oft, wenn in Büchern am Ende alle sterben – da denk ich mir immer: meine Güte, muss denn der Autor so auftragen? In diesem Fall ist es logisch, mehr noch hat man das Gefühl, dass es genau so passiert ist. Und man muss dem Autor wohl dankbar sein, dass er das Grauen nicht detaillierter beschrieben hat. Obwohl: manchmal sind ja die Dinge, die nur so nebenbei erwähnt werden, viel schlimmer, weil die Fantasie verrückt spielt. Zuguterletzt habe ich doch sehr geschluckt und Menschen, die „nahe am Wasser gebaut“…

Mein Leben geschieht, ob ich mir nun Sorgen mache oder nicht …
Zum Heulen / 26. Dezember 2010

Es ist eine ganz besondere Reise auf die wir uns mit Henry N. Brown begeben: Zum einen eine Reise durch die Zeit – beginnend mit der Geburtsstunde des kleinen Bären mit „annähernd brauner Farbe“ im Jahr 1921. Zum anderen eine Reise durch viele Länder Europas beginnend mit dem viktorianischen England über das kriegerische Deutschland bis hin zu Ungarn kurz vor dem Fall des eisernen Vorhangs. Aus den Augen eines Bären betrachtet erleben wir dabei nicht nur eine ganz besondere Studie der menschlichen Seele – wer sonst kommt so nah an die Gefühle eines Menschen ran, als ein Teddybär – wir erleben auch Schicksale, die berühren, An- und Einsichten, die uns nachdenklich machen können und nicht zuletzt: wir erleben, was die Liebe ist – für Menschen und für Teddybären! Das Buch werden jene mögen, die „Lachen und Weinen“ in einer Geschichte vereint wissen wollen. Es ist manchmal brutal, weil das Leben nicht in Watte gepackt ist. Es ist manchmal herzlos, weil das Leben auch Enttäuschungen bereithält. Es steckt voller Überraschungen, weil das Leben eben keine geradlinige Autobahn ist. Es steckt voll Liebe, weil die Geschichte des Bären einen ganz besonderen Schatz in sich birgt … Das Buch ist ein absolutes Highlight!…